Wie entwickelt sich die Bevölkerung? – Teil 1

TEIL 1: DIE AKTUELLEN ZAHLEN UND POLITISCHEN HERAUSFORDERUNGEN IN DEUTSCHLAND

(c) Anne Trieba: www.annetrieba.blogspot.de
(c) Anne Trieba: www.annetrieba.blogspot.de

Deutschland hat es mal wieder geschafft: Erneut sind wir in einem global anerkannten Wettkampf auf Platz I gelandet. Ganz Europa blickt voll Neid auf das Siegertreppchen und auch der Zweitplatzierte Japan kann sich seine Enttäuschung kaum verkneifen. Deutschland hat die niedrigste Geburtenrate der Welt!  Ob das nun ein Grund zu ausgelassener Freude ist darf gerne bezweifelt werden.

Außerdem mag diese Meldung, die vor wenigen Wochen durch alle Medien ging, ohnehin in ihrer Drastik ein wenig übertrieben sein. Das Hamburger WeltWirtschaftsInstitut, auf dessen Pressemitteilung sich Spiegel, Welt und Co. beriefen, ging einerseits von der wenig handlichen Maßzahl der Geburtenziffer, also der Anzahl der lebendgeborenen Kinder pro 1000 Einwohner, aus und betrachtete andererseits nur einen Zeitraum von 2008 bis 2013.  2014 wurden wir wiederum auf Platz III verwiesen, vor uns erneut Japan und – für den Laien eher unerwartet – Portugal. Unabhängig von der Dramatik tagesaktueller Berichterstattung bleibt der demographische Wandel trotzdem ein ungemein relevantes und komplexes Thema, dessen genauere Analyse sich sowohl aus effektiv-altruistischer als auch evolutionär-humanistischer Perspektive lohnt: Was ist der gegenwärtige Stand der Fakten? Welche Folgen sind aus der momentanen Situation zu erwarten? Was sollte eine Gesellschaft (insbesondere aus ethisch reflektierter Sicht heraus) tun?  In einem ersten kurzen Artikel widme ich mich der Situation in Deutschland, um eine gewisse Basis an Fakten zu schaffen, danach betrachte ich das Ganze in einem globalen Kontext. Später werde ich mich der Frage der Migration und der (globalen) Säkularisierung widmen.
Es ist kein Geheimnis, dass ganz Europa und Deutschland im Speziellen altern. Die Lebenserwartung der über 60-Jährigen wuchs in den rund 80 Jahren von 1871 bis 1951 um gerade einmal 5 Jahre, von ca. 72 auf ca. 77. In der gleichen Zeit explodierte die von der Geburt an gerechnete Lebenserwartung von 35 Jahren auf ganze 58. Die Gründe hierfür lagen vor allem in der Reduktion der Säuglingssterblichkeit durch verbesserte Ernährung und Hygiene. Auf diese Weise verjüngte sich die Gesellschaft in jenen Jahren. Wenn wir demgegenüber einen Blick auf die Bundesrepublik im Zeitraum von 1970-2000 werfen, ist das Bild ein gänzlich anderes: Die Lebenserwartung von Geburt an stieg um gerade einmal 10%, die für 65-Jährige hingegen um 26% und die der 85-Jährigen um ganze 33%, Tendenz nach wie vor steigend.

Deutschland schrumpft nicht

Gleichzeitig sinkt die Zahl der Geburten, unabhängig davon, ob man sie als Geburtenziffer oder als Fertilitätsrate bemisst. Erstere hatten wir bereits weiter oben kurz erwähnt, letztere ist hingegen das verbreitetere Maß und bezeichnet die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau im gebärfähigen Alter (15-49). Der so erzeugte Wert ist relativ handlich, insbesondere, da er hervorragend mit der sogenannten Reproduktionsrate verglichen werden kann, also der Anzahl der Kinder, die für das Aufrechterhalten der gegenwärtigen Bevölkerungszahl benötigt werden, welcher bei 2.1 liegt. Die deutsche Rate pegelte 2012 demgegenüber bei gerade einmal 1.38. Selbst dieser Wert wird durch Migration nach oben verzerrt: Wenn man sich tatsächlich auf Frauen beschränkt, welche in Deutschland geboren wurden, sinkt die Zahl auf 1.1. Auch hier kann man wieder langfristige Trends am Werk sehen: Vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die frühen 50er nahm die Fertilität drastisch hab und fiel von 4,17 (1900) auf 2,1 (1950, BRD), von wo sie in den 60ern (BRD) noch einmal auf 2,5 kletterte, um dann drastisch zu fallen und sich seit den 70ern auf dem heutigen Niveau zu stabilisieren. Durch expansiv-pronatalistische Familienpolitik schaffte es die DDR (dank der eingeschränkten biographischen Wahlmöglichkeiten, welche häufigere und frühere Geburten begünstigten) die 80er hindurch noch über den Werten der BRD zu verbleiben. Doch auch dieses massive Gegensteuern half nichts: Zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung waren die Fertilitätsraten in Ost und West auf vergleichbar niedrigem Niveau von rund 1,4. Wir scheinen es hier also mit einem Trend zu tun zu haben, welcher auch durch gezielte politische Maßnahmen nur kaum langfristig zu beeinflussen ist.

Doch was bedeutet das? Grundsätzlich ist diese Entwicklung segensreich, im Besonderen mit Blick auf die globale demographische Entwicklung, dazu im erwähnten Folgeartikel mehr. Im Grunde kann Deutschland seine Bevölkerung bereits seit den 70ern nicht mehr halten. Wieso sind wir dann bisher nicht geschrumpft? Der Grund liegt in den wachsenden Migrationsströmen, welche mit den Gastarbeitern in den 50ern und 60ern begannen und die Bevölkerung bis heute stabilisierte. Dass dies weiterhin möglich ist, schien noch vor wenigen Jahren als eher unwahrscheinlich; Zahlen von um die 300 000 Menschen, die sich jährlich in Deutschland ansiedeln müssten, wurden als Richtwert genannt, um die Bevölkerung stabil zu halten. Dies schien im Angesicht negativer oder nur knapp positiver Wanderungssalden in den Jahren 2008 und 2009 unrealistisch. Seit 2010 wuchs die Nettozuwanderung jedoch drastisch und ist von 127 000 auf 428 000 (2013) angestiegen, sodass die deutsche Bevölkerung trotz aller Prognosen der Demographie einfach nicht kleiner werden will.

Klientelpolitik nimmt zu

Deutschland müsste also eigentlich schrumpfen, tut dies aber auf Grund zunehmender Migration nicht. Die Alterung der Bevölkerung kann dadurch aber, insbesondere aufgrund der steigenden Lebenserwartung (die durch moderne medizinische Errungenschaften im Bereich der roten Gentechnik möglicherweise noch ganz am Anfang einer großen Entwicklung steht), nicht gestoppt werden. In diesem Sinne führt der demographische Wandel zu einer ganzen Reihe von Herausforderungen und Entwicklungen, deren genaue Tendenzen nur schwer zu prognostizieren sind. Altern geht gemeinhin mit einer wachsenden Ablehnung für neues einher, die Gesellschaft könnte somit höchstwahrscheinlich konservativer und weniger innovationsfreudig werden. Eine verbreitete Kinderlosigkeit bedeutet gleichzeitig ein Ausdünnen des Verwandtschaftsnetzes und damit eine Schwächung der Subsidiarität; was gerade mit Blick auf die Pflege im Alter das verstärkte Eingreifen des Staates notwendig macht und somit wiederum die breite Bevölkerung belastet. Weiterhin wird die erwerbstätige Bevölkerung in Relation zur verrenteten Bevölkerung drastisch sinken. Die demographische Alterslast steigt also an, was eine Umverteilung von Jung nach Alt nach sich ziehen muss: Da das primäre Klientel der Politik ebenfalls immer weiter altert, ist nach den üblichen Regeln des politischen Marktes davon auszugehen, dass die Stimmen der (weniger zahlreichen) Jüngeren ein geringeres Gewicht besitzen. Das zeigt sich bereits heute in milliardenschweren Maßnahmen wie der Rente mit 63, welche letztlich klare Klientelpolitik ist.

Gerade hierin offenbart sich eine mögliche Schwäche unseres politischen Systems: Wenn rationale Entscheidungen mit großer Relevanz für kommende Generationen (z.B. Investitionen in Bildung oder der Kampf gegen existentielle Risiken wie den Klimawandel) für den Demos aus eigennütziger Perspektive keinen Sinn ergeben, wird die politische Elite diese nur halbherzig umsetzen, niedrig priorisieren oder gänzlich auf sie verzichten. Natürlich setzt dies wiederum voraus, dass das Volk für die Entscheidungsfindung der Politik überhaupt noch ein wesentlicher Einflussfaktor ist, was im Angesicht postdemokratischer Tendenzen diskutabel scheint. Andererseits müssen Parteien auch unter den gegebenen Vorzeichen nach wie vor um Stimmen buhlen und die permanenten Verluste der SPD nach dem Ende der Ära Schröder waren primär durch die einschneidenden Rentenreformen bedingt und bleiben eine Mahnung an die sog. Volksparteien, dieses Thema auch in Zukunft mit Samthandschuhen anzufassen.

Aber selbst wenn wir nun annehmen, dass sowohl sinkende Bevölkerungszahlen als auch eine substantielle Alterung der Gesellschaft durch massive Migration verhindert werden könnten, stellt uns das vor viele schwer zu beantwortende Fragen: Was für Menschen kommen nach Deutschland? Verfügen sie über das Humankapital, das eine postindustrielle Gesellschaft braucht bzw. inwiefern kann es durch Ausbildungsmaßnahmen antrainiert werden? In welchem Maße sollten sie sich an die hiesige Kultur anpassen (als säkulare Humanisten sehen wir hier ein deutliches Konfliktpotential zwischen religiös-irrationalen Weltbildern und unseren freiheitlichen Werten)? Und sind wir nicht im Angesicht des unglaublichen globalen Leids, neben dem all unsere nationalen Probleme banal wirken, letztlich ethisch verpflichtet, alle aufzunehmen, die nach Deutschland kommen möchten?

Tobias Wolf
08.07.2015

Quellen:
Institut für Arbeit und Qualifikation (2015): Sozialpolitik aktuell. Online verfügbar unter http://www.sozialpolitik-aktuell.de/.
Kaufmann, Franz-Xaver (1997): Herausforderungen des Sozialstaates. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Edition Suhrkamp, 2053).
Kaufmann, Franz-Xaver (2005): Schrumpfende Gesellschaft. Vom Bevölkerungsrückgang und seinen Folgen. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Kaufmann, Franz-Xaver (2007): Bevölkerungsrückgang als Problemgenerator für alternde Gesellschaften, S. Vol. 60, No. 3 (2007), 107-114.
Schmitt, Phillip-Peter (2013): Die Republik der Kinder. In: FAZ, 30.10.2013. Online verfügbar unter http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/bevoelkerungswachstum-in-uganda-die-republik-der-kinder-12641294.html.
Schreiner, James (2009): Fertility and living standards: Go forth and multiply a lot less. Hg. v. The Economist. Online verfügbar unter http://www.economist.com/node/14743589, zuletzt aktualisiert am 09.02.2014, zuletzt geprüft am 09.02.2014.
Tomkin, Jonathan; Theis, Tom (2013): Sustainability: A Comprehensive Foundation. Houston: C O N N E X I O N S, zuletzt geprüft am 09.02.2014.

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