Evolutionärer Humanismus

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Unsere Welt ist geprägt von Zufällen. Wir selbst sind das Ergebnis einer blinden evolutionären Dynamik, die genau so gut auch anders hätte verlaufen können. Gleichzeitig ist dieser kleine blaue Planet, auf dem sich unsere Existenz abspielt, nur einer von Myriaden anderen in einer ewigen Schwärze, deren Ausdehnung sich unserer Vorstellungskraft entzieht. In der Natur gilt die simple Regel: Der besser angepasste überlebt – eine grausame Welt des ewigen Kampfes. Leid und Elend waren stets die Begleiter des Lebens, welches irgendwann enden sollte. Und dann war da nichts mehr. Gar nichts.

Wilhelm von Humboldt

Ist es da den Menschen zu verübeln, dass sie sich seit den frühesten Anfängen des Zivilisationsprozesses nach einem Happy End gesehnt haben?

Noch heute erklärt sich so die Attraktivität der Religion. Der ohnmächtige Protest gegen eine Welt, die so nicht sein sollte. Die Verheißung eines besseren Lebens im Tode. So auch in einer jüdischen Sekte, welche wir heute als Christentum kennen und die durch Kaiser Konstantin zur Staatsreligion erhoben wurde. Doch die autoritäre Wahrheitsgewissheit der Kirche und ihre dominierende Jenseitsbindung paralysierten Kreativität und Forschung, Bildung und Wissenschaft  – das finstere Mittelalter, auch bekannt als Christian Dark Ages begann. Erst die Renaissancehumanisten konnten sich durch Rückgriff auf Antike Denker aus der 1000-jährigen Umklammerung durch die Religion lösen.

So griff Wilhelm von Humboldt im 18. Jahrhundert die Idee der Humanitas von Cicero auf:

„Wenn es eine Idee gibt, die durch die ganze Geschichte hindurch in immer mehr erweiterter Geltung sichtbar ist, so ist es die der Menschlichkeit […]“

Humboldt hoffte, dass die Beschäftigung mit den alten Schriften der antiken Philosophen dem Menschen zu seiner vollen Entfaltung verhelfen würde. Dieser Idee verdanken wir das humanistische Gymnasium, in dem Humboldts ambitioniertes Bildungsideal jedoch zu einem autoritären Pauken von Latein und Griechisch mutierte.

Neben Humboldts bürgerlichen Humanismus formierte sich im 19. Jahrhundert eine weitere Strömung: Der proletarische Humanismus, welcher sich nicht auf die Schriften
alter Römer und Griechen stützte, sondern seine Kraft aus dem revolutionären Potential der Arbeiterklasse bezog. Diese war der Dialektik des historischen Materialismus folgend dazu auserkoren, Ungleichheit und Ausbeutung zu beseitigen und die klassenlose Gesellschaft zu errichten, in der „die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller“ (Marx) ist.

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Julian Huxley

Das 20. Jahrhundert sollte uns jedoch eines Besseren belehren: Der Massenmord an 6 Millionen Juden durch ein Land, dessen Elite an humanistischen Gymnasien sozialisiert worden war stellte all die Gräuel der Vergangenheit in den Schatten und die Degeneration des ersten realsozialistischen Staates hin zu einer totalitären geschlossenen Gesellschaft mit autogenozidalen Tendenzen endete erst mit dem Tod des paranoiden Diktators Josef Stalins.

1945 lag die Welt in Trümmern und jeder Optimismus verbat sich. Sowohl der bürgerliche als auch der sozialistische Humanismus hatten sich diskreditiert. Der erste Generaldirektor der UNESCO, Julian Huxley, brachte die Situation auf den Punkt:

Im gegenwärtigen beängstigenden Zeitalter der verlorenen Illusionen, nach zwei großen Kriegen, haben wir einen weitgehenden Zusammenbruch überlieferter Glaubensüberzeugungen erlebt, aber gleichzeitig wurden wir uns in steigendem Maße bewusst, dass eine rein materialistische Anschauung keine angemessen Grundlage für das menschliche Leben bieten kann. Wir wurden aber auch Zeugen eines phantastischen Anwachsens wissenschaftlicher Erkenntnisse über die Materie des Universums, über das Leben und die Psyche, über die menschliche Natur und die menschliche Natur und die menschliche Gesellschaft, über Kunst, Geschichte und Religion, doch große Bruchstücke dieses neuen Wissens liegen ungenutzt herum, sie werden nicht weiterverarbeitet oder zu fruchtbringenden Begriffen und Prinzipien zusammengefasst.

Michael Schmidt-Salomon

Der Evolutionsbiologe Huxley skizzierte in Folge dieser Überlegungen ein erste Konzepte, welche die Erkenntnisse der Wissenschaften und das Ideal der Humanität miteinander vereinen sollten, ohne dabei dem quasireligiösen Dogmatismus der geschlossenen Gesellschaft zu verfallen. So entstand 1961 der Evolutionäre Humanismus.

Heute wird der Evolutionäre Humanismus im deutschsprachigen Raum vor allem durch die Giordano Bruno Stiftung vertreten und hat in den letzten Jahren eine Renaissance erlebt. Philosophen wie Michael Schmidt-Salomon und Adriano Mannino haben das Konzept weiterentwickelt und auf seiner Grundlage eine zukunftsorientierte Weltsicht begründet. Auch wir finden ihn ihm vieles wieder, mit denen wir uns identifizieren können. Die zentralen Punkte des Evolutionären Humanismus sind dabei (gemäß der wunderbaren Zusammenfassung, welche man auf der Seite der gbs Schweiz finden kann):

  1. Historisch geleistete Vorarbeit: Anknüpfung an den Humanismus der Aufklärung
  • Fähigkeit der menschlichen Vernunft, die Welt graduell besser zu verstehen, d.h. ein zutreffenderes Weltbild zu konstruieren
  • Wissenschaft als mächtiges Wahrheitstool rezipieren und optimieren
  • Fähigkeit der Vernunft, ein stimmigeres Wertesystem zu entwickeln und die Welt entsprechend zu verbessern, im Sinne unserer realen Interessen
  • Nicht-Diskriminierung, Freiheit, soziale Gerechtigkeit und Demokratie als Werte rezipieren und weiterdenken
  1. Ethik: Evolutionäre Erweiterung des Humanismus nach “hinten” und “vorne”
  • Nach “hinten”: Die nicht-menschlichen Tiere sind uns in relevanter Hinsicht bedeutend ähnlicher, als traditionell angenommen wurde, und es gibt kaum vernünftig vertretbare Gründe, ihre Interessen ethisch nicht ebenso zu berücksichtigen.
  • Nach “vorne”: Erstmals hat eine Spezies die Möglichkeit, die brutale natürliche, darwinistische Evolution zu stoppen und durch eine künstliche, intelligent-mitfühlende zu ersetzen
  1. Rationalität: “Evolutionäres” Updating des Humanismus gemäss aktuellem Stand
  • Klarere Bestimmung dessen, was Vernunft bzw. Rationalität bedeutet und worin die Implikationen für die wissenschaftliche Arbeit, d.h. für die Konstruktion eines möglichst zutreffenden Weltbildes bestehen
  • Klarere Bestimmung dessen, was eine rationale Ethik zu leisten vermag und welche Ziele sie für unsere Entscheidungspraxis nahelegt
  • Kognitions- und Moralpsychologie, um zu erkennen, inwiefern unser kognitiver Apparat bzw. unser Gehirn systematisch von rationalen und ethischen Desideraten abweicht – damit wir diese Denk- und Entscheidungsfehler (Biases) vermeiden, d.h. unsere Ziele besser erreichen und die Zukunft besser gestalten können.