Der Sinn des Opfers

Ein Text zur Winter Solstice.

Vor langer Zeit lebten unsere Vorfahren in einer unberechenbaren Welt voller Härte und Gefahren. Manchmal war unsere Jagd erfolgreich oder wir fanden Nahrung. Unsere Instinkte befahlen uns, so schnell wie möglich unseren Hunger zu befriedigen, und wir schlangen alles herunter und ließen nichts übrig. 

Doch wir hungerten an den folgenden Tagen, in denen wir keine Nahrung hatten, und dieser Hunger lehrte uns, das Fleisch für später aufzubewahren und so mit unserem zukünftigen Ich zu teilen.

Wir lernten, dass Zurückhaltung in der Gegenwart uns Vorteile in der Zukunft verschaffen kann – das grundlegende Prinzip des Belohnungsaufschubs.

Manchmal hatten wir auch so viel Nahrung, dass wir nicht alles essen oder dauerhaft aufbewahren konnten, weil es sonst verderben würde. Aber wir lernten, mit anderen zu teilen, etwas aufzugeben – und dafür an einem anderen Tag etwas von ihrer Beute zu erhalten. Wir fanden einen Weg, den Vorteil des Moments zu erhalten, indem wir das Fleisch gegen ein Versprechen eintauschten.

Teilen heißt nicht, etwas zu verschenken und nichts zurückzubekommen, so wie es Kinder, die nicht teilen wollen, befürchten. Teilen bedeutet eine Handelsbeziehung aufzubauen, und damit Vertrauen. 

Noch ehe wir diese Prinzipien von Belohnungsaufschub, Handel und Gegenleistung in Worte fassen konnten, verstanden wir sie auf einer viel grundlegenderen Ebene. Und vor unfassbar langer Zeit, im Dunkel unserer Vergangenheit, erkannten wir, dass die Realität auf eine gewisse Weise so strukturiert ist, als könne man mit ihr verhandeln. Wir gaben vor, das Schicksal sei eine personifizierte Macht, mit der man  tauschen kann wie mit einem anderen Menschen.

Und das Erstaunliche daran ist: Es funktionierte!

Das liegt vor allem daran, dass das Schicksal eines Einzelnen größtenteils von anderen Menschen um ihn herum abhängt, meistens denjenigen, die sein Verhalten zuvor genau beobachtet haben. In kleinen Gruppen gibt es keine Anonymität, und jeder kennt jeden. Somit entsteht eine neue Ressource: Reputation. Weit und breit für seine Großzügigkeit bekannt zu sein ist wertvoll, denn dann kann man auf die Hilfe anderer vertrauen. Und so entwickeln sich die Konzepte von Verlässlichkeit, von Aufrichtigkeit, von Ehrlichkeit und von Großzügigkeit und damit letztendlich die moralische Prinzipien, die die Gemeinschaft zusammenhalten. 

Doch je komplexer und größer eine Gesellschaft wird, desto leichter ist es möglich, von Fremden zu stehlen und Unbekannte zu betrügen, und so bricht die Gemeinschaft zusammen. Ein Schicksal, das selbstsüchtiges Verhalten bestraft, kann solchen Egoismus verhindern. Das Urteil eines ganzen Stammes, der jeden Schritt des Einzelnen überwacht und beurteilt, hat die Macht eines strengen Gottes.

In über dreißig verschiedenen Kulturen Austronesiens gab es vor langer Zeit Götter, die noch kaum moralische Prinzipien kannten. Aber sie bestraften die Menschen hart, wenn sie keine angemessenen Opfer darbrachten. Und erst nachdem sich diese Stammesgötter etablierten, entwickelten diese Kulturen komplexere Gesellschaftsformen.

Das Opfer ist eine Demonstration der Fähigkeit des Menschen, Belohnungen aufzuschieben und einen guten Ruf aufzubauen. Wir erzählten uns Geschichten von zornigen Göttern, und hofften, sie durch Opfer zur Gnade zu bewegen. Natürlich funktionierte dies nicht immer, denn den Lauf der Sterne, das Wetter oder die Jahreszeiten kann man in Wirklichkeit nicht bestechen.

Aber die Tradition des Opfers vermittelt eine wertvolle Lektionen: Stell dich gut mit anderen. Gib jetzt etwas auf, damit es dir in Zukunft besser geht. Ob wir damals Feuerholz für den Winter sammelten oder jetzt in der Bibliothek für eine Prüfung lernen, das Prinzip bleibt das gleiche. Diejenigen, die die Prinzipien des Opfers als Teil ihrer Persönlichkeit verinnerlichten, hatten auch wirklich Erfolg. Denn die Zukunft verhält sich tatsächlich ziemlich genau wie eine strenge Macht, die uns beobachtet und die die Konsequenzen unseres Tuns spüren lässt.

Vielleicht sind Opfer deswegen in vielen Kulturen ein Anlass der Freude. Die großen nordischen Blóts waren große Feste, wie auch die Wintersonnenwende, in dem Pferde und Schweine geopfert wurden, um gute Ernte und Frieden zu erbitten, tote Ahnen zu ehren und den Mächten zu helfen, Kälte und Dunkelheit zu überwinden. Blut im Schnee, damit die Sonne aufgeht. Es war ein optimistisches Fest. Alles was die Menschen brauchen, scheint möglich, wenn nur genug Mühe und Umsicht investiert wird. Je besser das Opfer, desto besser das Ergebnis. 

Also fragten sich die Menschen: Was ist das wirkungsvollste Opfer, das uns die beste Zukunft bringt?

Das größte Opfer ist immer das, was am meisten schmerzt. In vielen Mythen und Geschichten lehnen Götter wertlose Opfer ab. Sie fordern das beste Opfertier oder sogar den eigenen Sohn, wie in der Geschichte von Abraham und Isaak. Was haben diese Mythen zu bedeuten? Warum stellt das Schicksal diese hohen Anforderungen?

Weil das, wofür unsere Vorfahren beteten, und das, was sie dazu zu opfern bereit waren, sehr viel über sie selbst aussagten. Wenn die Welt, in der sie lebten, nicht die Welt ist, in der sie leben wollten, mussten sie etwas unternehmen. Wenn einfach wäre, das zu erreichen, was man sich wünscht, gäbe es keinen Grund, zu beten und aufwendige Rituale durchführen. Ein großes Problem wird nicht mit einer halbherzigen Anstrengung gelöst. 

Manchmal funktionieren Opfer nicht so wie erhofft, und die erhoffte Belohnung bleibt aus. Die Menschen werden zornig und frustriert und beklagen sich über die ungerechte Welt. Und natürlich haben sie recht, die Welt ist ungerecht!

Doch der Mythos des Opfers lehrt die Menschen, den Fehler bei sich selbst zu suchen. Zu hinterfragen, ob ihr Opfer das Richtige war. Denn Erbitterung, so nachvollziehbar sie auch ist, wird niemandem helfen, am Leben zu bleiben. Sich über die Grausamkeit des Universums zu beklagen und auf sein Recht zu pochen hilft nicht, ein besseres Leben zu erreichen. Rachsucht schafft kein Vertrauen und keinen Zusammenhalt. 

Deswegen zwingt die Idee des wertlosen Opfers die Menschen, sich ehrlich zu fragen, was sie selbst besser machen können. Und was sie wirklich opfern wollen, um ihr Ziel zu erreichen. Wie viel es ihnen wirklich wert ist, was sie dafür tun müssen, ob sie bereit sind, diesen Preis zu bezahlen.

Das Prinzip des Opfers ist ein Mythos, den die Menschen sich selbst erzählen, um wichtige Lektionen zu vermitteln. Plane für die Zukunft. Sei verlässlich und großzügig. Übernimm Verantwortung und sei ehrlich zu dir selbst. 

So gelingt es, in einer Welt der Knappheit und Gefahr eine funktionierende Gesellschaft aufzubauen, die aus verantwortungsvollen und vorausschauenden Individuen besteht. 

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