Raymond Arnold: Die Geschichte des Winters

Aus dem Englischen von Tobias Wolf
Originaltext: https://humanistculture.wordpress.com/2013/08/27/the-story-of-winter/

Die Wintersonnenwende ist die längste Nacht des Jahres. Mit ihr beginnt eine Zeit der Kälte und der Dunkelheit.
Für junge Zivilisationen bedeutete dies, dass man, sofern man nicht das komplette Jahr darauf verwandt hatte, sich hinreichend auf die Zukunft vorzubereiten, vor Beginn des Frühlings den Hungertod sterben würde. Wenn man nicht die kollektive Weisheit des Stammes nutzte und schwer über die unmittelbare Befriedigung hinaus arbeitete… Wenn man nicht die physischen und mentalen Werkzeuge nutzte, über die der Mensch allein verfügte… dann würde das Universum in seiner kalten Neutralität das eigene Dasein, ohne mit der Wimper zu zucken, zerstören. Selbst wenn man diese Dinge tat, würde es einen vielleicht trotzdem töten. Fairness ist nicht Teil der kosmischen Gleichung.

Doch es war nicht nur die Angst vor dem Tod, die die ersten Winter-Feiern inspirierten. Es war ein Gefühl der Ungerechtigkeit in Kombination mit der verzweifelten Hoffnung, dass die Welt nicht wirklich so sein konnte. Es wäre den ersten Eichhörnchen, während sie Futter für die Kälte vergruben, nicht in den Sinn gekommen, doch den ersten Hominiden dämmerte es mit wachsender Fähigkeit zum abstrakten Denken, langsam aber sicher, zusammen mit ihrem Verlangen, Partys zu schmeißen.

Wir tendieren dazu, Dinge zu anthropomorphisieren. Heutzutage schreien wir im Zorn unsere Autos und Computer an, wenn sie mal wieder ausfallen. Rational gesehen wissen wir, dass sie nicht mehr als eine nicht denkende Ansammlung von Metall und Schaltkreisen sind, nichts desto trotz unterstellen wir einer kaputten Maschine Böswilligkeit.

Es gibt vernünftige Gründe, aus denen heraus Menschen dieses Verhalten entwickelten. Eine der komplexesten Aufgaben unser Vorväter war die Vorhersage des Handelns anderer Menschen. Wir mussten Verbündete finden, verräterische Feinde identifizieren, Partner zufriedenstellen. Ich bin kein Evolutionspsychologe und ich sollte auf der Hut sein, wenn ich solche simplifizierenden Geschichten erzähle, doch es fällt mir wahrlich nicht schwer, mir einen entsprechenden Selektionsdruck vorzustellen, durch den die Fähigkeit, das Verhalten anderer bewusster Kreaturen ähnlich einem selbst vorherzusagen, extrem mächtig wurde.

Gleichsam gab es *nicht* wirklich viel Druck diese Fähigkeit *nicht* auch dafür zu nutzen, zum Beispiel das Wetter vorherzusagen. Viele Naturkräfte sind ihrer Funktionsweise nach schlichtweg zu komplex, als das sie von Menschen gut hätten vorhergesagt werden können. Der Regen kam oder er kam nicht, ganz gleich, ob wir ihn nun Göttern oder „emergenter Komplexität“ zuschrieben. Also begannen wir uns Geschichten über Götter zu erzählen. Mächtige Kreaturen mit menschlichen Verhalten und Motivationen und wir glaubten aus ganzem Herzen an sie, denn was hätten wir sonst tun sollen?
Und dann hatten wir die Sonnenwende.

Die Welt war dunkel und kalt. Die Sonne musste sich zurückziehen und ließ uns mit dem bleichen Mond und dem unendlich weit entfernten Funkeln der Sterne alleine. Der Tod zerstörte das Leben und mit ihm kam die Angst, dass sich allmächtige, bewusste kosmische Kräfte von uns abgewandt haben konnten. Das Beste, was wir tun konnten, war ein Fest ihnen zu Ehren zu veranstalten und zu hoffen, dass sie nicht auf ewig wütend auf uns sein würden. Dass die Sonne wiederkehren und die Welt mit ihr wiedergeboren werden würde.

Doch mit dem Fortschreiten der Jahrhunderte und Jahrtausende bemerkten die Menschen etwas faszinierendes: Es steckte eine Struktur, ein Muster, in der Wut der Götter. Das Wetter mag komplex und kaum vorherzusagen sein, doch die Bewegungen der Gestirne… Sie folgen Regeln, welche einfach genug für einen Menschen zu verstehen waren, wenn man sich nur die Zeit nahm zu beobachten.

Wir hatten eine Frage: „Wann wird die Sonne gehen und wann kommt sie wieder?“

Wenn uns die Antwort auf eine Frage wirklich am Herzen liegt, können wir uns nicht einfach irgendetwas ausdenken. Wenn man für die Ernte planen muss und Vorkehrungen für den Winter zu treffen sind, kann man nicht einfach sowas sagen, wie „Oh, Gott wird schon in einigen Monaten aufhören wütend auf uns zu sein.“

Wenn man Wissen wirklich sucht und es schließlich findet, kann man es anwenden, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Doch dafür braucht man Wissenschaft. Und so war die Astronomie geboren.

Ich will einmal kurz ins Verhältnis setzen, wie wichtig uns dieses Wissen um die Sonnenwende war. Stonehenge ist ein altes archäologisches Wunder. Nach unserem besten Wissen begann es als Begräbnisstätte um 3000 v.u.Z. Über die nächsten 1000 Jahre wurde es nach und nach errichtet, in Phasen verstärkter Bauaktivität alle paar hundert Jahre. Zwischen 2600 und 2400 v.u.Z. erreichte der Bau seinen Höhepunkt. Riesige Steine wurden über außerordentliche Distanzen transportiert, um ein Monument zu errichten, dass 5000 Jahre bestand haben sollte.

30 Sarsensteine. Jeder von Ihnen wog gut 25 Tonnen. Man transportierte sie über 40 Kilometer.

80 Schieferblausteine. 4 Tonnen pro Stück. Über 200 Kilometer transportiert.

In dieser Zeit war die fortgeschrittenste Technologie im Lastentransport-Bereich „Schmeiß es auf ein paar Baumstämme und rolle es.“

Wir können nicht mit Sicherheit sagen, wie sie all das geschafft haben. Wir können nicht all ihre Beweggründe rekonstruieren. Doch eines wissen wir zumindest. Die Megalithen von Stonehenge sind exakt so aufgestellt, dass man mit ihnen die Sonnenwende vorhersagen konnte. Bis zum Moment der Dämmerung.

30 Steine zu je 25 Tonnen über 40 Kilometer transportiert. 80 Steine zu je 4 Tonnen, jeder von ihnen mehr als 200 Kilometer weit getragen.

Über 200 Jahre.

So sehr lag uns die Antwort auf diese Frage am Herzen.

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