Asif Mohiuddin: „Bangladesh ist der nächste logische Schritt“ – Teil 2

Das Interview führte Jan Szyper.
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Eine Serie brutaler Morde an säkularen Bloggern in Bangladesh löste weltweit Besorgnis über die Menschenrechtslage in Bangledesh aus. Asif Mohiuddin erklärt, dass dies nur die Spitze des Eisbergs sei und die Probleme in seinem Land viel tiefer reichen. Der Blogger war Autor einer der meistgelesenen Seiten Bangladeshs, bis die Regierung sie löschte. Seine Texte für Säkularität und Menschenrechte machten ihn zur Zielscheibe für den Hass islamistischer Gruppen, bis ihm als letzter Ausweg nur die Flucht nach Deutschland blieb. Um seine persönliche Geschichte, so dramatisch sie auch ist, soll es hier nur am Rande gehen. Er wolle nicht in den Mittelpunkt gestellt werden, sagt Mohiuddin, er sehe in der medialen Aufmerksamkeit nur etwas positives, wenn Menschen auf die islamistische Radikalisierung in seinem Land aufmerksam werden.

Vielleicht kannst Du einen Einblick gewähren, was zurzeit in Bangladesh passiert. Du hast mir gesagt, dass Du Kontakt zu Bloggern in Bagladesh hast.

Viele Blogger wollen etwas schreiben, aber sie werden bedroht. Viele wollen weg und das ist auch ihr Recht. Viele haben ihre Facebook-Accounts gelöscht, wegen der andauernden Drohungen. Die radikalen Gruppen veröffentlichen Todeslisten und alle, die sich darauf wiederfinden, sind gezwungen unterzutauchen. Die gegenwärtige Situation ist wirklich beängstigend.

Es ist ein sehr schwerer Weg eine liberale Person zu sein, eine säkulare Person, in einem Land wie Bangladesh. Ich wurde in eine sehr islamische Gesellschaft geboren und meine Familie ist auch sehr islamisch. Ich hatte keine guten Bücher. Ich musste mich sehr bemühen, um an neue Ideen zu kommen. Viele Menschen haben die gleichen Probleme in ihren Familien und in ihrer Gesellschaft. EinE liberaleR HumanistIn und eine säkulare Person in Bangladesh zu werden, ist ein ziemlich schwieriger Weg. Also sollten diese Menschen am Leben bleiben, denn ihr Leben ist wertvoll, weil sie ihre Gesellschaft verändern können. Ich respektiere alle menschlichen Wesen, aber ich denke manche sollten besondere Aufmerksamkeit erhalten.

Wer sind die Menschen, die am meisten bedroht werden?

Ich will keine Namen nennen. Wenn sie in den Medien erwähnt werden, wird es für sie schwerer.

Wie geht es diesen Menschen im Moment?

Ich habe einen guten Freund. Er fing vor mir zu schreiben an, mittlerweile musste er aufhören. Er ist sehr intelligent. Er schrieb über die Grammatik und Linguistik des Korans, warum Allah ein Mann und keine Frau ist und warum es viele Widersprüche im Koran gibt. Er war sehr gut darin. Jetzt ist er das wichtigste Ziel für die Islamisten. Er hat sich für ein Stipendium beworben, um aus dem Land zu kommen. Es ist schwierig, gerade auch weil er eine Familie hat.

Was macht der Staat zum Schutz der Blogger?

Der Staat macht nichts. Er unterstützt die radikalen Gruppen und hat 2013 den Abschnitt 57 des Informations- und Telekommunikationsgesetzes, der de facto ein Blasphemieparagraph ist, verschärft. Dieser Paragraph sagt, dass alle, die im Internet religiöse Gefühle von Menschen verletzen, von der Polizei verhaftet werden können, ohne jegliche Beweise. Man muss nicht einmal zeigen, dass man dieselbe Person verhaftet hat, die die strafbaren Inhalte gepostet hat. Die beschuldigte Person wird festgehalten und kann nicht gegen Kaution freikommen. Die Höchststrafe für diese „Verbrechen“ sind 14 Jahre im Gefängnis, das Minimum sieben. Es gibt einen Prozess gegen mich, der noch läuft. Ich habe aus dem zuständigen Ministerium Hinweise erhalten, dass sie planen mich zu 10 Jahren zu verurteilen.

Vor einiger Zeit schlug Jean-Claude Juncker, der Präsident des Europäischen Parlaments, vor, dass einige Länder, zum Beispiel Bangladesh, zu sicheren Herkunftsländern erklärt würden. Was denkst du darüber?

Ich denke nicht, dass Bangladesh ein sicheres Herkunftsland ist. In den letzten 45 Jahren hat es eine ständige islamische Radikalisierung erlebt. Sie erfolgt weiterhin, wegen der saudi-finanzierten Madrasen. Viele Junge Menschen sind radikalisiert. Es gibt viele Menschen, die fordern, dass der Islam Staatsreligion werden und die Scharia unser Gesetz werden sollte. Vor 12 Jahren gab es eine Serie von Bombenanschlägen in Bangladesh. Damals ging die Regierung gegen sie vor. Ihre Organisation wurde zerstört. Jetzt sind sie mächtiger. Das Problem ist jetzt, dass sie von Al-Kaida und dem IS unterstützt werden. Sie sind technisch und finanziell sehr gut aufgestellt und wenn Europa denkt, dass Bangladesh ein sicheres Herkunftsland ist, dann liegen sie offensichtlich falsch. Die Öffentlichkeit sollte darüber aufgeklärt werden.

Was sollte Europa tun?

Die schnelle Handlung ist die Leben der bedrohten Blogger zu retten. Es sind wertvolle Leben, sie schreiben nur, sie sind keine Verbrecher. Sie drücken nur ihre Meinung aus. Das sollte ermutigt werden und kein Verbrechen sein. Die langfristige Lösung sollte sein, das Bildungssystem zu verändern, das Madrasensystem abzuschaffen. Wenn die Europäische Union hier nichts tut, wird Bangladesh das nächste Pakistan oder Afghanistan. Dann wird die Europäische Union sagen, dass man etwas tun müsse. Zu der Zeit wird es zu spät sein. Jetzt aber können sie Druck auf Bangladesh ausüben, das politische System und das Bildungssystem zu reformieren. Es ist höchste Zeit. Später werden wir überrascht sein.

Es ist sehr schwer für Europas Staaten, in Anbetracht ihrer Geschichte des Kolonialismus, Druck auf andere Länder auszuüben. Könnte die Zivilgesellschaft, insbesondere die säkulare Bewegung, der Sache der Blogger in Bangladesh helfen?

Die säkularen Blogger in Bangladesh haben viele kleine Dinge gestartet. Öffentliche Bibliotheken in verschiedenen Städten, kleinen Dörfern. Es sollte überall öffentliche Bibliotheken geben und kostenlosen Zugang zu Büchern. Wir haben diese Bücher finanziert. Zuletzt haben wir mit sehr jungen Menschen gearbeitet, Kindern und Jugendlichen zwischen 10 und 15 Jahren. Wir haben mit ihnen diskutiert und ihnen neue Ideen vorgestellt. Später haben wir versucht säkulare Schulen für Straßenkinder zu gründen. Sie haben kein Geld, müssen in den Straßen arbeiten und haben keinen Ort zum Schlafen. Wenn die Zivilgesellschaft etwas tun kann, dann diese Schulen fördern.

Braucht ihr mehr AktivistInnen oder mehr Geld?

Eher mehr Geld oder Bücher, natürlich auf Bengali. Als Kind habe ich viele Bücher aus der ehemaligen Sowjetunion gelesen.  Diese Bücher waren sehr bunt und ich habe in ihnen viele sehr gute Ideen gefunden. Es gab z.B. ein Buch, das hieß „Was sagt das Teleskop?“. Ich war sehr jung damals und es war ein sehr gutes Buch. Ich las darin, wie die Menschen Götter im Himmel, in den Sternen erfunden haben. Das hat mich sehr inspiriert. Die Sowjetunion gibt es nicht mehr und es gibt keine vernünftigen kostenlosen Bücher für die Straßenkinder. Doch wenn aufklärerische Geister untätig sind, füllen die Islamisten dankend diese Lücke. Bangladesh bekommt viel Hilfe (auch in Form von sehr professionell aufgemachten Kinderbüchern) aus Saudi-Arabien und mit ihr kommt die wahabitische Ideologie. Hilfe, um im Geiste der Aufklärung gegen diesen Krebs vorzugehen, bekommen wir kaum, weder aus Europa noch den USA. Es gibt kein Gleichgewicht. Vielleicht könnte die Zivilgesellschaft hier helfen. Auch die Staaten könnten das tun. Die deutsche Regierung und die Europäische Union könnten kostenlose säkulare Bücher schicken. Ich weiß, dass die UN kostenlose Bücher für Schüler in Bangladesh zur Verfügung gestellt hat, aber wir brauchen mehr Unterstützung dieser Art.

Viele Menschen fragen sich, was die tieferen Ursachen der Flüchtlingskrise sind. Manche sagen, es liegt an den Interventionen der US Armee in Afghanistan und im Irak, sowie in Libyen. Andere sagen, es hätte mehr zu tun mit einer allgemeineren und längerfristigen Entwicklung in der islamischen Welt und einem islamistischen Radikalisierungsprozess.

Ich denke, dass beide Analysen valide sind. Zunächst sollte ich sagen, dass immer eine Art Blame-Game in islamischen Gesellschaften gespielt wird. Was auch geschieht, man gibt den USA und Israel die Schuld. Gleichsam sind die USA sicherlich nicht vollkommen unschuldig, es gibt genug Anlass, ihre Nahost-Politik zu kritisieren. Sie unterhalten für alle sichtbar sehr gute Beziehungen zu Saudi-Arabien und Pakistan. Sie behaupten, dass sie den Terrorismus bekämpfen und finanzieren ihn zugleich. Was mich angeht, werde ich die USA immer für diese Art der Heuchelei kritisieren. Aber es ist auch wahr, dass der Islam an sich eine sehr gewalttätige Ideologie ist. Man muss das ansprechen, doch viele, gerade progressive Europäer wollen höflich sein und verwechseln aufklärerische Religionskritik mit Rassismus. Sie wollen die Gefühle der Muslime nicht verletzen, aber man muss die Wahrheit sagen.

Was sind die Probleme im Islam? Ich habe immer gesagt, dass Muslime die größten Opfer des Islam sind, nicht Europa, nicht die USA. Muslime, muslimische Frauen, sie sind die größten Opfer des Islam. Sie werden gefoltert. Die LGBT-Community in den islamischen Ländern und alle, die auch nur einen Vers des Koran nicht glauben wollen, sie werden Tag für Tag gefoltert.

Natürlich stimme ich völlig zu, dass es eine Menge politischer Probleme gibt. Die Radikalisierung und die Gewalt sind überwiegend politische Probleme, aber es ist auch wahr, dass der Islam selbst ein Problem ist. Wenn man durch den Koran und die Hadithe geht, wird man eine Menge Gewalt sehen.
Was ist der Unterschied zwischen dem Christentum und dem Islam? Es ist eine europäische Denkweise, alle anderen Religionen durch das Prisma des Christentums zu begreifen, aber beim Islam funktioniert das nicht. Man kann den Islam nicht mit dem Christentum vergleichen. Der Islam hat eine andere Geschichte. Im Christentum hat niemand die Beweise dafür, was Jesus wirklich gesagt hat. Das meiste ist nicht sehr gut dokumentiert und man kann es auf viele andere Arten interpretieren. Man kann sagen, Jesus war eine sehr gute Person. Aber im Islam ist sehr gut dokumentiert, was Muhammed gesagt und getan hat. Der Koran ist derselbe Koran, den wir auch vor 200 Jahren hatten. Er ist nicht nur Religion, er ist auch gleichsam politische Ideologie. Er schreibt zum Beispiel vor, wie die finanziellen Probleme des Staates gelöst werden sollten. Man muss die Bücher konsultieren und nachsehen, wie die finanziellen Probleme des Staates gelöst werden können. Das Christentum baute auch Beziehungen zur Politik auf, aber der Islam war von Anfang an eine politische Ideologie. Und es gibt noch etwas, was ich sagen sollte.

Viele Menschen sagen, dass der Islam Frieden bedeutet, aber es ist nicht wahr. Islam bedeutet Unterwerfung. Totale Unterwerfung. Man muss sich völlig dem islamischen Gesetz unterwerfen und die Scharia entscheidet, wie mit einem verfahren wird. Wenn man nur einen Vers des Korans nicht glaubt, können sie einen töten.

Glaubst Du, dass der Islam sich liberalisieren kann?

Ich habe mich mit islamischer Geschichte beschäftigt und während des Kalifats gab es eine Gruppe von Islamgelehrten, die Mutaziliten genannt wurden, welche Reformen einführen wollten. Sie sagten, dass das Staatsoberhaupt für seine Fehler kritisiert werden kann, während heutzutage die Salafisten bekräftigen, dass der Kalif im Auftrag Gottes handle und man deshalb seine Autorität nicht hinterfragen dürfe. Es gab einen Massenmord in dieser Zeit. Sie haben viele Mutaziliten getötet und viele von ihnen mussten das Kalifat verlassen. Das war nicht nur dieses eine Mal. Ähnliches ist mehrfach passiert. Viele Philosophen versuchten den Islam zu erneuern und zu liberalisieren, aber es ist sehr schwierig. Das Problem ist der Islam an sich. Der Koran sagt selbst, dass man ihn nicht ändern darf. Was geschrieben ist, ist das endgültige Gesetz. Man darf sein Gehirn nicht benutzen. Man muss das Gesetz befolgen und wenn man es nicht befolgt, dann ist man kein Muslim mehr. Ich habe von einem schwulen Imam in den USA gehört. Er sagte von sich, dass er Muslim und schwul sei. Ich unterstütze ihn. Er ist ein sehr mutiger Mensch. Er hat mit seinem Outing eine großartige Sache getan. Aber ich weiß auch, dass er ermordet wird, wenn er in ein muslimisches Land geht. So sieht es das islamische Recht vor.

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