Scott Alexander: Betrachtungen des Abgrunds

Scott Alexander: „Meditations on Moloch
http://slatestarcodex.com/2014/07/30/meditations-on-moloch/
Aus dem Englischen von Tobias Wolf – 18.01.2016

I.

Wild gestreute Beispiele meines Lesestoffs für diesen Monat: Superintelligence von Nick Bostrom; Howl von Allan Ginsberg, On Gnon von Nick Land.

Chronologie ist ein gestrenger Meister: Man liest drei vollkommen unzusammenhängende Texte zur gleichen Zeit und auf einmal wirken sie so offensichtlich miteinander verbunden, ganz so als würden sie alle unterschiedliche Aspekte einer verflucht schwer auf den Punkt zu bringenden Materie behandeln.

Dieser Essay ist mein Versuch, genau diesen Punkt mit äußerster Präzision zu treffen, dabei gleite ich jedoch in Poesie und Mystizismus. Gegen Ende entwickelt sich alles zu einer mit verwirrenden Symboliken überladenen Literaturkritik gepaart mit Randgruppen-Futurologie. Wenn man etwas Klares und Eindeutiges sucht: Das ist es nicht.

Und eine zweite, relevantere Warnung: Das hier wird wirklich lang.

II.

Immer noch da? Beginnen wir mit Ginsberg:

[…]

Welche Sphinx aus Aluminium und Zement schlug ihnen die Schädel auf
und fraß daraus ihr Hirn und ihre Phantasie?

Moloch! Einsamkeit! Dreck! Häßlichkeit! Mülltonnen und unerschwing-
liche Dollars! Schreiende Kinder unter den Treppen! Schluchzende
Jungs beim Militär! Alte Männer weinend im Park!

Moloch! Moloch! Alptraum von Moloch! Moloch der Lieblose! Mentaler
Moloch! Moloch harter Richter über die Menschen!

Moloch das unbegreifliche Gefängnis! Moloch das gnadenlose Zucht-
haus unter der Totenkopfflagge und Kongress der Ängste! Moloch
dessen Gebäude die Urteile sind! Moloch der riesige Stein des Krie-
ges! Moloch die handlungsunfähigen Regierungen!

Moloch dessen Denken nur maschinell ist! Moloch in dessen Adern Geld
fließt! Moloch dessen Finger zehn Armeen sind! Moloch dessen Herz
ein kannibalischer Dynamo ist! Moloch sein Ohr ein rauchendes Grab!

Moloch dessen Augen tausend blinde Fenster sind! Moloch dessen
Hochhäuser in den langen Straßen wie ewige Jehovas stehen! Moloch
dessen Fabriken träumen und krächzen im Nebel! Moloch dessen
Schornsteine und Antennen die Städte krönen!

Moloch dessen Liebe ein Meer von Öl und Steinen ist! Moloch dessen
Seele aus Strom und Banken besteht! Moloch dessen Armut das
Gespenst des Genius ist! Moloch dessen Schicksal eine Wolke
geschlechtslosen Wasserstoffs ist! Moloch dessen Name Verstand!

Moloch in dem ich einsam sitze! Moloch in dem ich mir Engel erträume!
Verrückt im Moloch! Ungeliebt und ohne Mann im Moloch!

Moloch der früh in meine Seele eindrang! Moloch in dem ich ein Bewußt-
sein ohne Körper bin! Moloch der mich aus meiner natürlichen Ekstase
schreckte! Moloch von dem ich mich lossage! Wach auf im Moloch!
Licht strömt aus dem Himmel herab!

Moloch! Moloch! Roboterwohnungen! unsichtbare Vorstädte! Schatz-
kammern voller Skelette! blindes Kapital! dämonische Industrien!
gespenstische Nationen! unbesiegbare Irrenhäuser! Schwänze aus
Granit! monströse Bomben!

Sie brachen sich das Kreuz als sie Moloch zum Himmel hoben! Bürger-
steige Bäume Radios, tonnenschwer! Sie hoben die Stadt zum Himmel
empor, der wirklich existiert und uns überall umgibt!

Visionen! Omen! Halluzinationen! Wunder! Ekstasen! alles den amerika-
nischen Bach runter!

Träume! Anbetungen! Erleuchtungen! Religionen! die ganze Schiffs-
ladung gefühlvoller Scheiße!

Durchbrüche! im Fluß gelandet! Ausraster und Kreuzigungen! Fortgespült
mit der Flut! Höhenflüge! Erscheinungen! Verzweiflung! Animalische
Schreie und Selbstmorde aus zehn Jahren! Kluge Köpfe! Neue Lieb-
schaften! Verrückte Generation! gestrandet an den Felsen der Zeit!

Echtes heiliges Gelächter im Fluß! Sie haben alles gesehen! die wilden
Augen! die heiligen Schreie! Sie sagten Lebwohl! Sie sprangen vom
Dach! in die Einsamkeit! winkend! Blumen in der Hand! Hinunter zum
Fluß! raus auf die Straße!

Was mich schon immer an diesem Gedicht beeindruckt hat, ist die Konzeption der Zivilisation als eigene Entität. Man kann sie fast sehen, mit ihren Fingern aus Armeen und Augen aus Wolkenkratzern.

Viele Kommentatoren meinen, dass Moloch in Ginsbergs Gedicht den Kapitalismus repräsentiert. Da ist auf jeden Fall etwas dran, sehr viel sogar. Aber es passt nicht genau. Kapitalismus… eine Wolke geschlechtslosen Wasserstoffs? Kapitalismus… in dem ich ein Bewusstsein ohne Körper bin? Kapitalismus… Schwänze aus Granit?

Moloch ist die Antwort auf eine Frage – C.S. Lewis‘ Frage in der Hierarchy of Philosophers – „Was tut Es?“ Die Erde könnte ein gerechter Ort sein, an dem alle Menschen glücklich und weise zusammenleben. Doch stattdessen haben wir Gefängnisse, Umweltzerstörung, Irrenhäuser. Welche Sphinx aus Zement und Aluminium bricht die Schädel auf und frisst die Fantasie der Menschen?

Und Ginsberg antwortet: Moloch tut es.

Es gibt da einen Abschnitt in der Principia Discordia, in dem sich Malaclypse bei der Göttin über das Böse der menschlichen Zivilisation beklagt: „Jeder verletzt jeden, der Planet ist voller Ungerechtigkeiten, ganze Gesellschaften plündern ihre eigenen Völker aus, Mütter sperren ihre Söhne ein, Kinder vergehen, während Brüder im Krieg gegeneinander sterben.“

Die Antwort der Göttin: „Was ist das Problem daran, wenn es das ist, was ihr tun wollt?“

Malaclypse: „Niemand will es! Jeder hasst es!“

Göttin: „Oh. Na dann hört doch damit auf.“

Die implizite Frage ist: Wenn jeder das gegenwärtige System hasst, wer sorgt für sein Fortbestehen? Und Ginsberg antwortet: Moloch. Es ist keine so starke Aussage, weil sie im Wortsinne zutrifft – niemand denkt wirklich, dass ein uralter karthagischer Dämon alles Leid hervorruft – sondern weil die Vorstellung des Systems als handlungsfähiger Akteur uns in Erinnerung ruft, zu welchem Grad das System kein handlungsfähiger Akteur ist.

Bostrom spricht am Rande von der Möglichkeit einer Dystopie ohne Diktator, in der jeder einzelne Bürger die Führung hasst, sie jedoch ohne Widerstand fortbesteht. Es ist leicht genug sich einen solchen Staat vorzustellen. Gehen wir von einem Land aus, in dem es zwei Regeln gibt: Erstens: Jeder Mensch muss acht Stunden des Tages damit verbringen, sich starke Elektroschocks zuzufügen. Zweitens: Wenn irgendjemand gegen Regel I verstößt oder sich auch nur gegen sie ausspricht, müssen alle Bürger vereint zusammenstehen und diese Person töten. Nehmen wir an, diese Regeln sind gut genug etabliert (durch Tradition, etc.), sodass jeder davon ausgeht, dass sie durchgesetzt werden.

Man schockt sich also selbst täglich für acht Stunden und weiß, dass, sollte man es unterlassen, das jeder Bürger einen dafür mit dem Tode bestrafen würde, denn wenn die anderen es nicht täten, würde jeder sie töten und so weiter. Jeder Einzelne hasst das System, doch aus einem Mangel an guter Koordination besteht es fort. Aus der Perspektive eines Gottes sehen wir, wie leicht dieser Zustand zu optimieren wäre. Doch niemand innerhalb des Systems ist dazu in der Lage, ohne selbst große Risiken auf sich zu nehmen – eine multipolare Falle.

Zugegeben, dieser Fall ist ein wenig konstruiert. Betrachten wir also ein paar – sagen wir: zehn-realweltliche Beispiele von vergleichbaren Fallen, damit die drastische Bedeutung derartiger Dilemmata klarer wird.

  1. Das Gefangenendilemma, gespielt von zwei sturen Libertären, die stets am Ende gegen den jeweils anderen aussagen. Sie könnten ein viel besseres Ergebnis erreichen, wenn sie sich koordinierten, aber Koordination ist schwierig. Aus der Perspektive eines Gottes können wir sehr leicht sagen, dass beiderseitige Kooperation besser ist als beiderseitiger Verrat, doch keiner der Gefangenen im System kann etwas am Status Quo ändern.
  2. Dollarauktionen: Ich schrieb darüber bereits in Game Theory As A Dark Art. Auf der Grundlage einiger befremdlicher Auktionsregeln kann man einen Vorteil aus der Schwierigkeit von Koordination ziehen, um jemanden 10$ für eine 1$-Note bezahlen zu lassen. Aus der Gottesperspektive ist es wiederum recht klar, dass Menschen definitiv nicht 10$ für 1$ zahlen sollten. Aus dem System heraus scheint wiederum jeder Schritt rational.
  3. Die Fischzucht-Analogie aus meinem Non-Libertarian FAQ 2.0:

Als Gedankenexperiment stellen wir uns einmal eine Fischzucht-Industrie an einem See vor. Dort gibt es 1000 identische Fischzuchtbetriebe, welche miteinander konkurrieren. Jeder Betrieb erwirtschaftet einen monatlichen Profit von 1000$. Für eine Weile ist alles gut.

Doch jeder Fischzüchter produziert Abfall, der den See verschmutzt. Sagen wir, dass jede Fischzucht genug Verschmutzung erzeugt, um die Produktivität am See um 1$ pro Monat zu senken.

1000 Fischzuchtbetriebe generieren genug Abfall um die Produktivität aller Betriebe am See um je 1000$ pro Monat zu reduzieren, was heißt, dass keiner der Zuchtbetriebe mehr Gewinn macht. Kapitalismus errette uns: Jemand erfindet ein komplexes Filtersystem, welches den Abfall entfernt. Der Einsatz der Filter kostet 300$ pro Monat, alle Betriebe installieren das System freiwillig und die Verschmutzung endet. Der Profit jeder Farm liegt immer noch bei respektablen 700$ pro Monat.

Doch ein Züchter (nennen wir ihn Steve) hat keine Lust mehr, all das Geld für die Filter auszugeben. Eine Zucht verschmutzt also wieder den See und vermindert die Produktivität um 1$. Steve macht 999$ Profit, alle anderen 699$.

Doch Steves Profit spricht sich herum: Sobald 400 Personen ihre Filter entfernt haben, verdient Steve 600$ pro Monat, weniger als wenn er und alle anderen das System einfach weiter in Betrieb gelassen hätten! Und die tugendhaften Züchter, die ihre Filteranlagen weiter einsetzen, erwirtschaften sogar nur 300$! Steve erkennt seinen Fehler, geht zu jedem am See und sagt „Halt! Wir müssen alle einen Vertrag schließen, um die Filter einzusetzen, ansonsten leiden wir alle darunter!“

Jeder stimmt zu und sie schließen alle einen großen Filtervertrag. Alle bis auf einem Züchter, nennen wir ihn Mike, der ein ziemlicher Egoist ist. Jetzt nutzt jeder wieder Filter, nur nicht Mike. Mike verdient 999$ pro Monat, alle anderen 699$, immer mehr denken sich, dass sie auch richtig viel Gewinn machen sollten wie Mike und entfernen ihre Filter…

Eine eigennützige Person hat nie einen Anreiz einen Filter zu installieren. Eine eigennützige Person hat einen gewissen Anreiz, einen Vertrag zu unterzeichnen, sodass jeder gezwungen ist, einen einzusetzen, doch in den meisten Fällen ist der Nutzen größer, wenn nahezu jeder unterschreibt und man selbst als Trittbrettfahrer profitiert. Das kann zu einem unangenehmen Gleichgewicht führen, in dem niemand einen solchen Vertrag akzeptiert.

Je mehr ich darüber nachdenke, desto eher glaube ich, dass das hier mein Kerneinwand gegen den Libertarismus ist. Aus der Gottesperspektive können wir ganz klar festhalten, dass die Seeverschmutzung negative Folgen hat. Doch aus dem System kann niemand verhindern, dass der See verschmutzt wird, da der Kauf von Filtern als nicht sonderlich gute Idee erscheint.

  1. Die Malthusianische Falle, zumindest an ihren extremen theoretischen Grenzen. Angenommen man wäre eine der ersten Ratten, die auf eine unberührte Insel gelangen. Sie ist voller leckerer Pflanzen, man lebt ein idyllisches Leben; frisst, entspannt sich und schafft großartige Kunstwerke (man ist eine dieser Ratten aus The Rats of NIMH).

Man lebt ein langes Leben, paart sich und zeugt ein Dutzend Kinder. Jeder dieser Nachkommen hat erneut zwölf Kinder und so weiter. Nach einigen Generationen leben zehntausend Ratten auf der Insel und sie hat die Grenzen ihrer ökologischen Tragfähigkeit erreicht -es gibt nicht mehr genug Nahrung und Raum für alle Ratten. Ein gewisser Prozentsatz jeder Generation stirbt, da die Bevölkerung nicht weiter wachsen kann.

Eine gewisse Gruppe der Ratten hört irgendwann damit auf, sich mit der Kunst zu beschäftigen, um sich stattdessen mehr auf das Überleben zu konzentrieren. In jeder Generation stirbt ein geringerer Anteil dieser Population im Vergleich zur breiten Masse der Rattengesellschaft. Nach einer Weile schafft keine Ratte mehr irgendeine Form von Kunst und jeder Teil der Rattengesellschaft, der die Künste zurückbringen will, ist dazu verdammt, innerhalb weniger Generationen ebenfalls auszusterben.

Tatsächlich geht es nicht nur um Kunst. Jede Gruppe, welche hinterhältiger, gnadenloser und generell eher aufs Überleben ausgerichtet ist als die Masse wird letztendlich die Population dominieren. Wenn ein Teil der Ratten sich aus rationalen Überlegungen darauf beschränken will, nicht mehr als 2 Nachkommen zu haben, wird diese Gruppe nach wenigen Generationen ausgestorben sein, übertrumpft von ihren zahlreichen Feinden. Wenn eine Gruppe der Ratten damit beginnt, sich kannibalistisch zu ernähren und sich daraus ein Vorteil für sie ergibt, wird sich diese Gruppe letztendlich durchsetzen und Kannibalismus unter den Ratten zur Norm.

Wenn ein Rattenwissenschaflter vorhersagt, dass die Nussvorräte der Insel mit besorgniserregend wachsender Geschwindigkeit schwinden und bald komplett aufgebraucht sein werden, werden vielleicht einige Rattenrudel versuchen ihren Verbrauch auf ein nachhaltiges Niveau zu bringen. Doch jene Ratten haben keine Chance gegen ihre eigennützigeren Verwandten. Am Ende sind die Nüsse aufgezehrt, die meisten Ratten werden sterben, einige überleben und der Kreislauf beginnt von neuem: Die Population erholt sich, bis sie wieder an ihre ökologische Grenze gelangt. Jede Gruppe von Ratten, die versucht, diesen Prozess zu beenden, wird von ihren Cousins und Cousinen, welche sich auf die wesentlichen Dinge konzentrieren, die man für Konkurrenz und Konsum benötigt, aus dem Feld geschlagen.

Tatsächlich ist die Evolution nicht ganz so malthusianisch wie der theoretische Idealfall, doch sehen wir am Beispiel prototypisch den zugrundeliegenden Mechanismus. Aus einer göttlichen Perspektive ist es erneut simpel festzuhalten, dass die Ratten eine komfortabel niedrige Populationsgröße bewahren sollten. Innerhalb des Systems versucht jede Rattte hingegen ihrem genetischen Imperativ zu folgen und stürzt die Insel somit in einen nicht enden wollenden Boom & Bust-Kreislauf.

  1. Stellen wir uns einen Kapitalisten in einer ethisch fragwürdigen Industrie vor. Er stellt Arbeiter zu Hungerlöhnen ein, die Kleider nähen müssen, welche er mit minimalem Profit verkauft. Vielleicht würde er seinen Arbeitern gerne mehr zahlen oder ihnen bessere Arbeitsbedingungen bieten. Doch er kann nicht, denn das würde den Preis seiner Produkte erhöhen, sodass er nicht mehr mit seinen günstigeren Rivalen konkurrieren könnte und schlussendlich Pleite ginge. Wahrscheinlich sind viele seiner Konkurrenten nette Menschen, die ihren Arbeitern ebenfalls gerne mehr zahlen würden, doch sofern sie keine Hieb- und Stichfeste Garantie haben, dass kein Marktteilnehmer es wagen würde, die neuen Löhne zu unterbieten, können sie das nicht tun.

Wie die Raten, die langsam aber sicher alle ihre Werte zu Gunsten reiner Konkurrenz aufgeben müssen, sind auch Unternehmen in einer Umgebung von hinreichend starkem Wettbewerb dazu gezwungen alle Werte außer Profitmaximierung zu ignorieren oder von Firmen aus dem Markt geschlagen werden, die genau dies tun.

(Ich bin mir nicht vollkommen sicher, wie verbreitet das Verständnis von Wirtschaft als evolutionärer Prozess ist: Angepasste Firmen, definiert als solche, welche den Kunden dazu bringen können, ihre Produkte zu kaufen, überleben, expandieren und inspirieren weitere Unternehmen, nicht angepasste Firmen, also diejenigen, von denen niemand kaufen will, gehen Pleite und sterben zusammen mit ihrer Firmen-DNA aus. Die Gründe, aus denen die Natur ein einziger blutiger Kampf ist, sind die gleichen, die Märkte so rücksichtslos und ausbeuterisch erscheinen lassen.)

Aus der Gottesperspektive können wir uns eine Welt mit einer freundlichen Industrie, in der jede Firma ihren Arbeitern einen angemessenen Lohn zahlt, ohne weiteres vorstellen. Aus dem System heraus gibt es keine Möglichkeit diesen Zustand zu erreichen.

Moloch dessen Liebe ein Meer von Öl und Steinen ist! Moloch dessen
Seele aus Strom und Banken besteht!

  1. Die Zwei-Einkommen-Falle, wie erst kürzlich hier diskutiert. Diese Theorie geht davon aus, dass ein hinreichend starker Konkurrenzkampf um Wohnraum in jenen Vierteln US-amerikanischer Städte mit guten Schulen dazu führt, dass Menschen eine ganze Menge anderer Werte über Bord werfen – Zeit zuhause mit ihren Kindern, finanzielle Sicherheit, etc. – um ihre Möglichkeiten, die richtigen Häuser kaufen zu können, zu maximieren oder andernfalls zu einem Leben im Ghetto verdammt zu sein.

Aus der Gottesperspektive: Wenn jeder darin übereinkommt, dass niemand einen zweiten Job annimmt, um die eigene Position im Wettkampf zu verbessern, wird jeder genauso ein gutes Haus bekommen wie vorher, aber deutlich weniger arbeiten. Aus dem System: Solange es keine Regierung gibt, die tatsächlich dazu bereit wäre, Zweitjobs zu verbieten, wird jeder, der keinen annimmt, ins Hintertreffen geraten.

Roboterwohnungen! unsichtbare Vorstädte!

  1. Landwirtschaft: Jared Diamond nennt es den schlimmsten Fehler der Menschheitsgeschichte. Ob es ein Fehler war oder nicht, es war kein Unfall – landwirtschaftliche Zivilisationen schlugen nomadische schlichtweg im direkten Wettbewerb, unvermeidlich und überwältigend. Eine klassische Malthusianische Falle. Vielleicht war das Jäger-Sammler-Dasein ein besseres, mit höherer Lebenserwartung und den Veranlagungen des Menschen besser angepasst, doch in einem Zustand hinreichend starker Konkurrenz zwischen Völkern, in dem Landwirtschaft mit all ihren Krankheiten, der Unterdrückung und Pestilenz die bessere Alternative war, wird sich am Ende jeder niederlassen oder den Weg der Comanche-Indianer gehen.

Aus der Gottesperspektive ist es nicht schwer zu erkennen, dass jeder Jäger/Sammler bleiben sollte, sofern es ein angenehmeres Leben verheißt (was wir im Sinne des Arguments einmal annehmen). Aus dem System gedacht hat jeder Stamm nur die Aussicht, entweder sesshaft zu werden oder unausweichlich auszusterben.

  1. Wettrüsten: Moderne Staaten können zwischen 5% und 30% ihres Budgets in die Verteidigung investieren. In der Abwesenheit des Krieges – ein Zustand der den Großteil der vergangenen 50 Jahre andauerte – führt dies nur dazu, dass Geld nicht in Infrastruktur, Gesundheit, Bildung oder Wachstum investiert werden kann. Doch jedes Land, dem es nicht gelingt seine Verteidigungsausgaben hinreichend hoch anzusetzen läuft Gefahr von seinen Konkurrenten angegriffen zu werden, welche in ihr Militär investiert haben. Aus diesem Grund gibt nahezu jeder Staat dieser Welt eine nicht geringe Summe für die eigenen Streitkräfte aus.

Mit dem Blick eines Gottes ist es offenkundig, dass Weltfrieden und die Abwesenheit jedes Militärs die beste Lösung wäre. Innerhalb des Systems kann kein Land dies unilateral durchsetzen, sodass es für alle das Beste ist, weiter Geld in Raketen zu investieren, die ungenutzt in Silos verstauben.

  1. Krebs: Der menschliche Körper besteht idealerweise aus Zellen, welche harmonisch koexistieren und ihre Ressourcen für das größere Wohl des Organismus nutzen. Wenn eine Zelle sich diesem Gleichgewicht widersetzt, indem sie ihre Ressourcen darauf verwendet, sich selbst zu kopieren werden ihre Nachfahren sich gut entwickeln und schließlich alle anderen Zellen aus dem Feld schlagen und den Körper übernehmen – welcher an diesem Punkt stirbt. Oder die Situation wiederholt sich und einige Krebszellen wenden sich gegen den Rest des Tumors und verlangsamen somit sein Wachstum.

Aus der Gottesperspektive lässt sich feststellen, dass die beste Lösung in der Kooperation der Zellen bestünde, sodass diese nicht sterben. Innerhalb des Systems werden Krebszellen gedeihen und die anderen auskonkurrieren, sodass nur das Immunsystem den natürlichen Anreiz garantiert, den Krebs in Schach zu halten.

  1. Das „Race to the Bottom“ beschreibt eine eine politische Situation, in der die Politik versucht Unternehmen mit dem Versprechen niedrigerer Steuern und geringerer Regulierung in ihr Staatsgebiet zu locke. Das Endergebnis ist, dass jeder Staat seine Wettbewerbsfähigkeit optimiert – durch minimale Steuern und Regulationen – oder Unternehmen und damit Steuereinnahmen und Arbeitsplätze durch Abwanderung verliert.

Doch auch wenn nur das letzte Beispiel den entsprechenden Namen trug, handelt es sich bei allen vorgestellten Szenarien doch in gewisser Weise um „Races tot he Bottom“. Sobald ein Agent versteht, wie er kompetitiver sein kann, in dem er einen gemeinsamen Wert aufgibt, müssen alle anderen Agenten diesen Wert ebenfalls aufgeben, oder werden von ihrer skrupelloseren Konkurrenz an die Wand gespielt. Deshalb ist es wahrscheinlich, dass jeder im System am Ende genauso wettbewerbsfähig ist wie vorher, aber der gemeinsame Wert für immer verloren ist. Aus dem Blickwinkel eines Gottes ist offensichtlich, dass alle Konkurrenten am Ende schlechter dran sind, wenn sie ihre Werte opfern, doch innerhalb des Systems ist diese Entwicklung mangels hinreichender Koordination unmöglich zu vermeiden.

Es gibt noch eine ein wenig modifizierte Form dieser Fallen, deren Betrachtung ebenfalls lohnenswert ist, bevor wir fortfahren. Hier wird der Wettbewerb durch eine marktfremde Kraft vermieden, meist ein soziales Stigma. Als Ergebnis gibt es kein wirkliches „Race to the bottom“ – das System kann weiter auf einem relativ hohen Niveau arbeiten, doch es ist unmöglich, es weitergehend zum allgemeinen Nutzen zu optimieren, Ressourcen werden somit stets aufs Neue verschwendet. Damit der geneigte Leser also nicht schon erschöpft ist, bevor es überhaupt so richtig losgeht, beschränke ich mich hier auf vier Beispiele:

  1. Erziehung und Bildung: Im Essay zu reaktionärer Philosophie sprach ich über meine Frustration mit Reformen des Bildungssystems:

Die Leute fragen, warum man das Bildungssystem nicht reformieren kann. Momentan ist der Anreiz der Studenten auf die prestigeträchtigsten Elite-Universitäten zu gehen, sodass Arbeitgeber sie anstellen werden – ganz gleich ob sie irgendetwas gelernt haben. Der Anreiz der Personalabteilungen wiederum besteht darin, Studenten von den prestigeträchtigsten Elite-Universitäten anzustellen, sodass sie ihre Entscheidung gegenüber ihrem Vorgesetzten rechtfertigen können, nur im Falle, dass irgendetwas schief geht – ganz gleich ob die Universität den potentiellen Arbeitnehmer nun qualifiziert hat oder nicht. Und der Anreiz der Universitäten ist es alles zu tun, um mehr Prestige zu erhalten, gemessen an den bekannten Rankings – ganz gleich ob es den Studenten irgendetwas nützt. Führt das zu einer riesigen Verschwendung und einem mittelmäßigen, stratifizierten Bildungssystem? Ja. Könnte der Bildungsgott das bemerken und einen Bildungsdekret erlassen, dass zu einem deutlich effizienteren System führt? Kein Problem! Doch da es keinen Gott der Bildung gibt, folgt jeder einfach seinen eigenen Anreizen, die nur in Teilen mit Effizienz oder Bildung korreliert sind.

Aus der Gottesperspektive ist es ein leichtes, Dinge zu sagen wie „Studenten sollten nur studieren, wenn es ihnen tatsächlich irgendetwas bringt und Arbeitgeber sollten Bewerber auf der Grundlage ihrer Kompetenz und nicht des Prestiges ihrer Universität bewerten.“ Innerhalb des Systems folgt jeder seiner Anreizstruktur und wenn sich die nicht ändert, wird sich auch das System nicht verändern.

  1. Wissenschaft: Aus dem gleichen Essay:

Die moderne Wissenschaft weiß, dass sie nicht die beste Wissenschaft produziert, die möglich wäre. Es gibt einen großen Publication Bias, Statistik wird auf Grund bloßen Desinteresses auf eine verwirrende und leicht fehlzuinterpretierende Art betrieben und Replikationen geschehen oftmals selten oder gar nicht. Und manchmal sagt dann jemand etwas wie „Ich kann es kaum glauben, dass die Wissenschaftler wirklich zu dumm sind, das System zu reparieren. Alles, was wir tun müssten, wäre die Frühregistration von Studien zu verlangen um Publication Bias zu vermeiden, Bayesianische Methoden zum Standard erheben und Wissenschaftlern, welche Replikationen durchführen, einen höheren Status zu geben. Es wäre wirklich einfach und es würde die Qualität der Forschung drastisch verbessern. Ich bin anscheinend deutlich klüger als all diese Wissenschaftler, denn ich habe mir diesen Plan ausgedacht und sie nicht.“

Klar. Das wäre für den Wissenschaftsgott kein Problem sein. Er könnte einfach nur ein Wissenschaftsdekret veröffentlichen und festlegen, dass jeder die richtige statistische Methodik zu adaptieren hat und dann noch eins, in dem er festlegt, dass Replikationen mehr Respekt genießen müssen.

Aber Dinge, die aus der Gottesperspektive sinnvoll erscheinen, funktionieren nicht aus dem Inneren des Systems. Kein einzelner Wissenschaftler hat einen Anreiz alleine zu einer neuen statistischen Technik zu wechseln, denn es würde es seiner Forschung erschweren, aufmerksamkeitsheischende Pseudoeffekte zu erzeugen, und all die Kollegen im Feld schlicht verwirren. Für den einzelnen Forscher wäre es ideal, dass jeder andere wechselt, sodass er dann einfach mitziehen kann. Und kein einzelnes Journal hat einen Anreiz alleine eine Frühregistrierung einzuführen und negative Ergebnisse zu publizieren, denn das würde bedeuten, dass ihre Ergebnisse weniger interessant sind als die anderer Journals, die aufmerksamkeitsheischende Pseudoeffekte veröffentlichen. Innerhalb des Systems folgt jeder seinen Anreizen und wird das auch in Zukunft tun.

  1. Korruption: Ich weiß nicht, ob es irgendjemanden gibt, der grundsätzlich der Meinung ist, dass die massive Bezuschussung der Wirtschaft mit Staatsmitteln (direkte Subventionen oder Steuererleichterungen) eine gute Idee ist. Doch doch alleine der US-Regierung gelingt es trotzdem jedes Jahr um die 100 Milliarden Dollar dafür aus dem Fenster zu werfen. Was, nur für das Verhältnis, dreimal so viel ist wie die Summe, die jedes Jahr für die Gesundheitsfürsorge der Ärmsten im Land ausgegeben wird. Jeder, der sich mit dem Problem beschäftigt hat, kommt zu dem gleichen Ergebnis: Gebt weniger Geld an die Unternehmen! Warum geschieht das nicht?

Politiker konkurrieren miteinander um gewählt zu werden und versuchen dementsprechend ihre Wählbarkeit zu optimieren. Und ein wesentlicher Aspekt dabei ist es nun einmal, möglichst viele Wahlkampfspenden von Unternehmen zu sammeln. Politiker, die versuchen etwas am ungesunden Verhältnis von Politik und Wirtschaft zu ändern, verlieren aller Wahrscheinlichkeit nach die Unterstützung der großen Konzerne und haben kaum eine Chance gegen Konkurrenten, die diese Unterstützung genießen.

Also auch wenn es aus einer Gottesperspektive für alle das Beste wäre, wenn man etwas am Verhältnis von Politik und Wirtschaft änderte, wird jeder einzelne Abgeordnete auf Grundlage seiner eigenen Anreize den Status Quo erhalten oder die Situation zu verschlimmern suchen.

  1. Der Kongress: Nur 9% der Amerikaner schätzen ihn, womit er eine niedrigere Zustimmungsrate besitzt als Kakerlaken, Kopfläuse oder Verkehrsstaus. Trotzdem mögen 62% der Amerikaner ihren Kongressabgeordneten, gegeben, dass sie ihn kennen. Theoretisch sollte es wirklich schwer für eine demokratisch gewählte Institution sein, eine Zustimmungrate von 9% über mehr als eine Legislatur zu erhalten. In der Praxis aber hat jeder Abgeordneten den Anreiz, seiner Wählerschaft zu gefallen und den Rest des Landes geflissentlich zu ignorieren. Etwas, wobei sie augenscheinlich großen Erfolg haben.

Aus der Gottesperspektive sollte jeder Kongressabgeordnete nur an das Wohl der Nation denken. Innerhalb des Systems tust, du was notwendig ist, um gewählt zu werden.

III.

Ein grundlegendes Prinzip verbindet all diese multipolaren Fallen. In einem Wettbewerb, in dem auf X hin optimiert wird entsteht eine Situation, in der man irgendeinen gemeinsamen Wert opfern kann, um X noch weiter zu verbessern. Diejenigen, die die Gelegenheit wahrnehmen, prosperieren, diejenigen, die dies nicht tun, sterben aus. Schlussendlich ist die relative Situation für alle identisch, absolut betrachtet stehen alle am Ende aber schlechter da als am Anfang. Die Entwicklung setzt sich fort bis alle anderen Werte, die aufgegeben werden können, aufgegeben wurden, mit anderen Worten, bis alle menschliche Kreativität nicht mehr hinreichend ist, um die Dinge noch weiter zum Schlechteren hin zu bewegen.

In einer ausreichend intensiven Wettbewerbssituation (1-10) wird jeder, der nicht all seine Werte über Bord wirft, aussterben – wir denken an die Ratten zurück, die ihren Hang zur Kunst nicht aufgeben wollten. Das ist die Malthusianische Falle, in der jeder um sein Überleben kämpft.

In einer nicht ausreichend intensiven Wettbewerbssituation (11-14) attestieren wir „nur“ ein perverses Optimierungsversagen, wie im Falle der Journals, die nicht zu besseren Methoden wechseln wollten oder der Gesetzgeber, denen es nicht gelingt, gemeinsam die Macht der Wirtschaft einzuschränken. Es mag die Leute nicht direkt in Subsistenznöte treiben, doch auf eine seltsame Art beraubt es sie ihres freien Willens.

Jeder zweitklassige Autor und Philosoph muss sein eigens Utopia verschriftlichen. Die meisten dieser Utopien sind wirklich nett. Es erscheint, um ehrlich zu sein, gar nicht abwegig zu behaupten, dass zwei ideale Gesellschaften, die sich in nahezu jeder Hinsicht widersprechen und polare Gegensätze darstellen, beide im ersten Moment ein besseres Bild abgäben als unsere eigene Welt.

Es wäre schon peinlich, wenn irgendein Niemand sich ohne große Mühe einen besseren Stand der Dinge vorstellen könnte als den, den wir aktuell bevölkern. Tatsächlich können es die meisten auch nicht. Viele Utopien kehren die wirklich schwierigen Probleme unter den Teppich oder würden zehn Minuten nach ihrer Implementation in sich zusammenbrechen.

Doch stellen wir uns einmal einige Utopia vor, die nicht von diesem Problem betroffen sind:

  • Das Utopia, in dem die Regierung der Wirtschaft nicht Milliarden sinnlos in den Rachen wirft.
  • Das Utopia, in dem das Militär eines jeden Landes der Erde 50% kleiner ist als heute und die Ersparnisse in Infrastruktur investiert werden.
  • Das Utopia, in dem alle Krankenhäuser das gleiche Datenerfassungssystem nutzen oder zumindest auf solche Systeme zurückgreifen, die miteinander kompatibel sind, sodass Arzt A nachsehen kann, was Arzt B, bei dem man letzte Woche einen Termin hatte, diagnostizierte, anstatt die gleichen Tests für 5000$ nochmal durchzuführen.

Es gibt wahrscheinlich nicht viele Menschen, die irgendeine dieser Utopien rundheraus ablehnen würden. Dass sie Fiktion bleiben liegt nicht daran, dass man sie nicht unterstützen würde. Es liegt auch nicht daran, dass sich nie jemand Gedanken darüber gemacht hat, denn ich habe sie mir alle gerade spontan ausgedacht und ich gehe nicht davon aus, dass diese „Entdeckung“ als besonders neuartig oder weltverändernd gewertet wird.

Jeder Mensch mit einem IQ oberhalb der Raumtemperatur kann sich eine solche Utopie erdenken. Der Grund, aus dem unser gegenwärtiges System so un-utopisch scheint, ist in der Tatsache zu suchen, dass es nicht von Menschen erdacht wurde. Genauso wie wir durch ein trockenes Tal blicken und mit ziemlicher Sicherheit sagen können, wie ein Fluss sich dort hindurchwinden würde, gegeben, dass er den Gesetzen der Schwerkraft gehorcht, können wir auch eine Gesellschaft betrachten und erkennen, wie sich ihre Institutionen formen werden, sofern wir davon ausgehen, dass die Menschen gewissen Anreizstrukturen unterliegen.

Doch das bedeutet, dass, genauso wie Flussverläufe nicht im Sinne von Schönheit und Navigation geschaffen wurden, sondern als Artefakt eines zufälligen Landschaftsverlaufs entstanden, auch Institutionen nicht im Sinne von Wohlstand oder Gerechtigkeit, sondern eher als Artefakte von zufällig bestimmten Ausgangsbedingungen zu betrachten sind.

Genauso wie Menschen Boden abtragen und Kanäle bauen, so können sie auch die Anreiz-Landschaft verändern, um so bessere Institutionen zu schaffen. Doch das funktioniert nur, wenn sie dafür auch über die richtigen Anreize verfügen, was nicht immer der Fall ist. Als Ergebnis entstehen einige wilde Seitenarme und Stromschnellen in einigen sehr seltsamen Orten unseres Gesellschafts-Flussdeltas.

Ich springe jetzt von langweiliger Spieltheorie zu jenem Ereignis, welches für mich wohl am nächsten an eine mystische Erfahrung heranreicht.

Wie alle guten mystischen Erfahrungen passierte es in Vegas. Ich stand auf der Spitze eines der vielen Hochhäuser und blickte auf die Stadt zu meinen Füßen herab, leuchtend in der Dunkelheit. Wenn man noch nie in Las Vegas war ist es wirklich ein beeindruckender Anblick. Wolkenkratzer und Licht spielen in einer fremdartigen Vielfalt ein wunderschönes Spiel. In jenem Moment schnitten sich mir zwei Gedanken kristallklar ins Bewusstsein:

Es ist erhebend, dass wir so etwas erschaffen können.

Es ist beschämend, dass wir es taten.

Ich meine: Nach welchem Standard ist es eine auch nur vage vernünftige Nutzung unserer zivilisatorischen Ressourcen, gewaltige, vierzigstöckige Indoor-Repliken von Venedig, Paris, Rom, Ägypten und Camelot direkt nebeneinander zu bauen und sie mit Albinotigern zu füllen? All das in der lebensfeindlichsten Wüste Nordamerikas?

Und da verstand ich, dass keine Philosophie, die dieser Planet jemals hervorgebracht hat, die Existenz von Las Vegas gutheißen würde. Selbst der Objektivismus, der normalerweise immer gut dafür ist, die Exzesse des Kapitalismus zu rechtfertigen, geht vom Gedanken aus, dass das kapitalistische System das Leben der Menschen verbessert. Henry Ford war in diesem Sinne tugendhaft, da er es vielen Menschen ohne Automobil erlaubte Automobile zu besitzen und sie so besser dran waren als vorher. Doch was macht Vegas? Es verspricht einigen Narren das große Geld doch gibt es ihnen nicht.

Las Vegas existiert nicht auf der Grundlage irgendeiner Entscheidung, die Zivilisation zu optimieren, es existiert durch die Eigenart einiger Dopamin-Kurzschlüsse in unserem Hirn und auf Grund der Mikrostruktur einer inkohärenten Regulierung von Glücksspiel. Ein rationaler Zentralplaner hätte aus der Perspektive eines Gottes, während er über diese Fakten kontempliert, möglicherweise das Folgende gedacht: „Hm, dopamingesteuerte Belohnungsstrukturen haben die Eigenart gewisse Handlungen mit leicht negativem Kosten-Nutzen-Verhältnis so zu verzerren, als hätten sie ein leicht positives Kosten-Nutzen-Verhältnis. Schauen wir mal, ob wir die Leute bilden können, um sie vor den Auswirkungen dieser Fehlkonstruktion bewahren zu können.“ Menschen im System, die den Anreizen folgen, die diese Fakten setzen, denken „Hey, bauen wir ein vierzig Stockwerke hohes Replikat des alten Roms voller Albinotiger in die Mitte der Wüste, damit wir ein bisschen reicher werden als diejenigen, die das nicht tun!“

So wie der Verlauf des Flusses dem Terrain inhärent ist, bevor der erste Regentropfen den Boden berührt, war auch Caesar’s Palace Neurobiologie, Ökonomie und Verwaltung inhärent, bevor es überhaupt errichtet war. Der Unternehmer, der es baute, füllte letztlich nur die schemenhaften Konturen mit echtem Beton.

Wir haben nun also all diese unglaubliche technologische und kognitive Energie, die Brillanz der Spezies Mensch, dafür verschwendet auf der Basis schlecht adaptierter zellularer Rezeptoren blindwütig und grundlos das Niemandsland Nevadas zu besiedeln, Göttern gleich, die von einem Idioten herumgescheucht werden.

Manche Menschen machen mystische Erfahrungen und sehen Gott. Dort in Las Vegas, dort sah ich den Moloch.

Moloch dessen Denken nur maschinell ist! Moloch in dessen Adern Geld fließt!

Moloch! Moloch! Roboterwohnungen! unsichtbare Vorstädte! Schatzkammern voller Skelette! blindes Kapital! dämonische Industrien!

IV.

In der Apocryphia Discordia steht geschrieben:

Die Zeit fließt wie ein Fluss. Also abwärts. Wir können dies konstatieren, da alles in bemerkenswertem Tempo bergab geht. Es schiene klug an einem anderen Ort zu sein, wenn wir das Meer erreichen.

Nehmen wir diesen recht beliebig wirkenden Witz zu 100% wörtlich und schauen wir, wohin uns das führt.

Wir haben zuvor den Fluss der Anreize mit dem des Wassers verglichen. Abwärts als Richtung ist in diesem Zusammenhang vollkommen angemessen: Die Falle schnappt genau dann zu, wenn sich irgendeine Gelegenheit ergibt einen eigentlich nützlichen Wert zu Gunsten größerer Wettbewerbsfähigkeit aufzugeben. Sobald jeder dies getan hat, nützt die höhere Konkurrenzfähigkeit nichts mehr – der Wert hingegen ist für immer verloren. Dementsprechend verändert jeder Schritt des Tanzes der mangelnden Koordination unser Leben zum Schlechteren.

Doch haben wir bisher nicht nur nicht das Meer erreicht. Wir scheinen uns überraschenderweise auch gar nicht so selten bergauf zu begeben. Warum verschlechtern sich die Verhältnisse nicht mehr und mehr, bis wir wieder auf dem Subsistenz-Niveau angelangt sind? Als Erklärung scheinen mir drei schlechte (Ressourcenüberfluss, physische Begrenzungen und Nutzenmaximierung) sowie ein guter Grund (Koordination) logisch.

  1. Ressourcenüberfluss: Die Tiefen der Meere sind ein fremdartiger Ort mit wenig Licht, noch weniger Ressourcen und einer Vielzahl bizarrer Organismen, deren Lebenssinn darin besteht, sich gegenseitig zu fressen oder als Wirtskörper zu missbrauchen. Doch von Zeit zu Zeit sinkt ein Walkadaver zum Grund. Mehr Nahrung als die Organismen, die ihn gefunden haben, jemals verzehren könnten. Eine kurze Periode des magischen Überflusses beginnt, in der die Kreaturen, die den Wal zuerst fanden, wie Könige schlemmen. Nach und nach kommen mehr Tiere und die, die sich schneller vermehren können, vergrößern ihre Populationen rasant, der Wal wird aufgefressen und alle seufzen ein letztes Mal, bevor sie wieder in ihre alte, von der malthusianischen Falle geplagte Existenz zurückkehren.

Es ist so, als ob sich eine Gruppe der Ratten, die sich von der Kunst ab- und dem Kannibalismus zugewendet hatten, plötzlich auf einem neuen, leeren Eiland wiederfände, das über eine deutlich höhere Tragfähigkeit verfügt, sodass sie wie in früheren Zeiten wieder den Spielraum für ein Leben in Frieden und künstlerischer Betätigung hätten.

Wir leben in einem Zeitalter der Walkadaver. Ein Zeitalter des Überflusses an Tragfähigkeit, in dem wir uns plötzlich mit tausend Meilen Vorsprung vor Malthus wiederfinden. Wie Hanson es ausdrückt:  Das ist die Traumzeit.

So lange die Ressourcen nicht knapp genug sind, um uns im Zustand des Kriegs aller gegen alle zu fixieren, können wir unsinnige, nicht-optimale Dinge tun, sowas wie Kunst, Philosophie, Liebe; ohne dabei von gnadenlosen Tötungsmaschinen auskonkurriert zu werden.

  1. Physische Begrenzungen: Stellen wir uns einen profitmaximierenden Sklavenhalter vor, der die Entscheidung trifft seine Kosten dadurch zu senken, dass er seine Sklaven weder essen noch schlafen lässt. Er würde sehr bald feststellen, dass die Produktivität seines Eigentums drastisch abgenommen hat und dass er diese auch mit noch so vielen Peitschenhieben nicht wiederherstellen kann. Schlussendlich würde er, nachdem er die verschiedensten Strategien ausprobiert hat, wahrscheinlich zu dem Ergebnis kommen, dass seine Sklaven die höchste Produktivität dann erreichten, wenn sie wohlgenährt und ausgeruht waren und zudem zumindest ein wenig Zeit zur Entspannung hatten. Nicht, weil die Sklaven mit Absicht ihre Arbeitskraft zurückhielten, wir nehmen an, dass die Angst vor ihrer Bestrafung ausreichend ist, um sie maximal anzutreiben, sondern weil der Körper gewisse physische Grenzen besitzt. Dementsprechend stoppt die Abwärtsspirale irgendwo vor dem ethischen Minimum, wenn die physischen Grenzen erreicht sind.

John Moes, ein Historiker mit Fokus auf der Sklaverei,  geht weiter und schreibt darüber, wie die Sklavenhaltung, mit der wir heute noch am vertrautesten sind, nämlich die des amerikanischen Südens vor dem Bürgerkrieg, ein historischer Sonderfall war, deren ökonomische Effizienz zumindest fragwürdig ist. In den meisten Spielarten der Sklaverei, insbesondere solchen der antiken Welt, war es nicht ungewöhnlich, dass Sklaven Lohn erhielten, gut behandelt und oftmals gar freigelassen wurden.

Moes argumentiert, dass dies das Resultat rationaler ökonomischer Überlegung war. Man kann Sklaven mit dem Zuckerbrot oder der Peitsche motivieren und die Peitsche ist nicht sonderlich effektiv. Man kann sie nicht permanent beobachten und es ist schwer festzustellen, ob ihre Leistung nachlässt oder nicht (oder auch nur ob sie durch ein wenig mehr Gewalt dazu gebracht werden könnten, noch härter zu arbeiten). Wenn man seine Sklaven dazu bringen möchte, etwas zu tun, das auch nur in geringem Maß über die Komplexität des Baumwollpflückens hinausgeht, bekommt man es mit einigen wirklich ernsthaften Überwachungsproblemen zu tun. Wie zieht man seinen Profit aus einem versklavten Philosophen? Ihn so lange auspeitschen, bis er eine Theorie des Guten verfasst hat, die man verkaufen kann?

Eine antike Lösung des Problems bestand darin, den Sklaven zu sagen, dass sie tun sollten, was auch immer ihnen am profitabelsten erschien und dann den Gewinn mit zu teilen. Manchmal würde ein Sklave in der Manufaktur seines Besitzers arbeiten, sodass er normal bezahlt werden könnte. In anderen Fällen würde er seinen Weg gehen und einen Teil seines Einkommens zu seinem Herrn schicken. Oder man legte gleich einen Preis fest, sodass sich der Sklave irgendwann freikaufen konnte.

Moes geht noch weiter und sagt, dass diese Systeme derartig profitabel waren, dass man sie stets aufs Neue auch in den Südstaaten etablieren wollte. Der Grund aus dem man bei den alten Peitschen und Ketten bleib war weniger ökonomischer Natur als ideologischer: Eine rassistische Regierung, die auf lukrative, aber nicht direkt mit dem weißen Überlegenheitsgedanken konform gehende Ideen verzichtete.

In diesem Fall wird also eine Abwärtsspirale, in der Plantagenbesitzer grausamer und grausamer mit ihren Sklaven umspringen, um die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu maximieren, durch physische Begrenzungen verhindert, die den Grenznutzen von Gewalt ab einer gewissen Grenze drastisch reduzieren.

Oder um ein anderes Beispiel zu geben: Einer der Gründe, aus dem wir uns gegenwärtig nicht in einer malthusianischen Bevölkerungsexplosion befinden, ist die Tatsache, dass Frauen nur einmal alle 9 Monate schwanger werden können. Wenn diese befremdlichen religiösen Sekten, die von ihren Mitgliedern, verlangen so viele Kinder wie möglich zu haben, sich einfach kopieren könnten, hätten wir ein wirkliches Problem. In der momentanen Situation können sie pro Generation nur einen geringen Schaden anrichten.

  1. Nutzenmaximierung. Wir haben bisher über den Dichotomie zwischen der Bewahrung von Werten und der Stärkung der eigenen Position im Wettbewerb gesprochen und nahmen an, dass die Optimierung der Letzteren irgendwann nur noch auf Kosten von Ersterem möglich ist.

Doch viele der wichtigsten Wettbewerbs-/Optimierungsprozesse der modernen Zivilisation sind Optimierungen von Werten. Man gewinnt im Kapitalismus (zumindest teilweise) dadurch, dass man den Werten seiner Kunden genügt. Man gewinnt eine demokratische Wahl dadurch, dass man den Eindruck vermittelt, die Werte der Wähler zu vertreten.

Nehmen wir an es existiert eine Kaffeeplantage irgendwo in Äthiopien, welche Äthiopier dafür bezahlt Kaffee anzubauen, der in die USA verkauft wird. Vielleicht befindet sie sich in einer extrem starken Konkurrenz zu den Nachbarplantagen und würde dementsprechend jeden nur denkbaren Wert aufgeben, sofern sie dadurch nur einen Vorteil im Wettbewerb herausschlagen kann.

Doch die Plantage kann die Qualität des Kaffees nicht zu sehr drücken, ansonsten würden die Amerikaner ihn nicht mehr kaufen wollen. Und sie kann auch nicht die Arbeitsbedingungen oder die Löhne zu stark senken, ansonsten würden die Äthiopier dort nicht mehr arbeiten wollen. Tatsächlich ist es Teil der Optimierung im kapitalistischen Wettbewerbsprozess den idealen Weg zu finden, um sowohl Kunden als auch Arbeiter anzulocken, ohne dabei mehr als die Konkurrenz auszugeben. Klingt gar nicht mal schlecht.

Aber wir sollten nicht vergessen, wie fragil dieses für alle Seiten vorteilhafte Gleichgewicht ist.

Gehen wir jetzt einmal davon aus, dass der Plantagenbesitzer ein hochgiftiges Pestizid entdeckt, welches die Ernte deutlich vergrößert, dafür aber Kunden krank macht. Die wissen davon natürlich nichts und auch die Regierung hat bisher noch keine Schritte zur Regulierung unternommen. Nun gibt es eine kleine Inkongruenz zwischen „an Amerikaner verkaufen“ und „die Werte der Amerikaner befriedigen“, dementsprechend wird letzteres zu Gunsten von ersterem aufgegeben.

Oder nehmen wir an, dass es eine drastische Zunahme der Geburtenrate in Äthiopien gäbe und plötzlich fünf Arbeiter auf jede Stelle kommen. Jetzt kann es sich die Plantage leisten die Löhne zu verringern und das Niveau der Arbeitsbedingungen soweit senken, bis die physischen Grenzen erreicht sind. Sobald es eine Inkongruenz zwischen „Äthiopier dazu bringen hier zu arbeiten“ und „Die Werte der Äthiopier befriedigen“ gibt, sieht es nicht gut für die Äthiopischen Werte aus.

Was wäre schlussendlich, wenn es einen wichtigen Wert gäbe, der weder Arbeitern noch Kunden relevant erscheint? Vielleicht ist die Plantage das Habitat eines seltenen tropischen Vogels, den Umweltaktivisten beschützen wollen? Möglicherweise steht sie auf einer uralten Begräbnisstätte eines Stammes, dem der Besitzer nicht zugehörig ist? Könnte Kaffeeproduktion eventuell auf irgendeine Weise den Klimawandel begünstigen? Solange es sich nicht um einen Wert handelt, der den durchschnittlichen Amerikaner vom Kaufen oder den durchschnittlichen Äthiopier von der Arbeit dort abhält, wird er aufgegeben.

Ich weiß, dass „Kapitalisten tun manchmal schlimme Dinge“ keine sonderlich originelles Argument ist. Was ich hervorheben will ist jedoch die Tatsache, dass diese Aussage nicht äquivalent zu „Kapitalisten sind gierig“ ist. Gut, manchmal sind sie einfach nur gierig. Doch in den meisten Fällen befinden sie sich einfach nur im Hamsterrad einer hinreichend intensiven Konkurrenzsituation, in der jeder, der nicht nach den Regeln spielt, von denen ersetzt wird, die es tun. Geschäftspraktiken entstammen direkt dem Moloch, niemand sonst hat hier irgendein Mitspracherecht.

(Von meinem sehr begrenzten Wissen über die Schriften Marx‘ ausgehend, schien er diesen Punkt sehr genau verstanden zu haben und Leute, die ihn mit „Kapitalisten sind gierig“ zusammenfassen, tun seinem Werk Unrecht.)

Das Kapitalismusbeispiel ist wohlbekannt und oft diskutiert worden. Gleichzeitig wird meines Erachtens nach der Tatsache, dass Demokratie unter den gleichen Problemen leidet, deutlich weniger Aufmerksamkeit zu Teil. Ja, in der Theorie optimiert sie sich in Richtung Wählerzufriedenheit, welche wiederum mit guten politischen Entscheidungen korreliert. Aber sobald es auch nur die kleinste Inkongruenz zwischen vernünftiger Politik und Wählbarkeit gibt, wird die vernünftige Politik den Wölfen zum Fraß vorgeworfen.

So sind zum Beispiel stetig steigende Gefängnisstrafen sowohl gegenüber den Insassen als auch der Gesellschaft, die dafür zahlen muss, unfair. Politiker tun sich jedoch schwer, etwas gegen diesen Trend zu tun, da sie nicht lasch gegenüber Kriminellen wirken wollen. Wenn ein einziger verurteilter Krimineller, der auf das Wirken eines Politikers hin entlassen wurde, rückfällig wird (was statistisch bei einer hinreichend großen Zahl von Betroffenen irgendwann passieren muss), kann man sich die Schlagzeilen des nächsten Tages bereits sehr lebhaft vorstellen: „Durch Maßnahme des Justizministers entlassener Straftäter tötet fünfköpfige Familie – wie kann dieser Mann noch ruhig schlafen?“ Selbst wenn also die Entlastung insbesondere US-amerikanischer Gefängnisse insgesamt eine für die Gesellschaft gute Maßnahme wäre (und das ist sie!), kann man sie kaum durchsetzen.

Moloch das unbegreifliche Gefängnis! Moloch das gnadenlose Zucht-
haus unter der Totenkopfflagge und Kongress der Ängste! Moloch
dessen Gebäude die Urteile sind! Moloch der riesige Stein des Krie
ges! Moloch die handlungsunfähigen Regierungen!

Kunden- oder Bürgerzufriedenheit zu den angestrebten Ergebnissen eines Optimierungsprozesses gemacht zu haben ist eine der größten Errungenschaften der Zivilisation und der Hauptgrund, aus dem kapitalistische Demokratien so viel erfolgreicher waren als andere Systeme. Doch auch wenn wir Moloch in die Rolle unseres Dieners gezwungen haben mögen, so sind die Ketten, die ihn binden doch nicht sonderlich stark und wir bemerken von Zeit zu Zeit, dass die Aufgaben, die er für uns erfüllt, eher in seinem als in unserem Sinne sind.

  1. Koordination

Das Gegenteil einer Falle ist ein Garten.

Probleme sind aus der Gottesperspektive ohne weiteres zu beseitigen, sodass, falls wir uns alle zu einem Superorganismus zusammenschließen könnten, all unsere Schwierigkeiten leicht zu lösen wären. Ein unerbittlicher Konkurrenzkampf hätte sich in einem Garten verwandelt, ein Ort in dem ein einzelner Gärtner den weiteren Weg bestimmt und alle Elemente entfernt, die nicht dem angestrebten Ergebnis entsprechen.

Das zu Beginn angeführte Problem der Gewässerverschmutzung durch Fischzucht lässt sich ohne weiteres durch eine Staatsmacht lösen. Die spieltheoretisch optimale Lösung des Gefangendilemmas besteht darin, dass der Anführer der kriminellen Gruppe überzeugend damit droht, jeden Verräter zu erschießen. Auch Firmen, die ihre Arbeiter ausbeuten oder die Umwelt verschmutzen, lassen sich durch einen Staat regulieren. Regierungen lösen das Problem der Rüstungsspirale im eigenen Land durch den Erhalt des Gewaltmonopols und es ist abzusehen, dass die Existenz einer funktionstüchtigen Weltregierung Aufrüstung effektiv unterbinden würde.

Die zwei relevanten Komponenten einer effektiven Staatsführung sind Gesetze und Gewalt, oder abstrakter Regeln und Durchsetzungsmechanismen. Viele andere Institutionen außer Staaten verfügen ebenfalls über diese Mechanismen und sind so in der Lage, für Koordination zu sorgen und so Fallen zu vermeiden.

Da zum Beispiel Schüler miteinander im Wettbewerb stehen (direkt, falls Klausuren auf einer Normalverteilung benotet werden, aber zumindest stets indirekt durch Universitätszulassungen, zukünftige Jobs, etc.) existiert ein starker Anreiz für das Individuum zu betrügen. Lehrer und Schulen nehmen hierbei die Rolle des Staates ein, indem sie Regel festlegen (z.B. gegen Betrug) und über die Fähigkeit verfügen, Schüler zu bestrafen, die gegen diese verstoßen.

Doch die emergente Sozialstruktur der Schülerschaft fungiert ebenfalls als eine Art Selbstregierung: Wenn Schüler Betrüger meiden und ihnen misstrauen, gibt es Regeln (nicht betrügen) und Durchsetzungsmechanismen (oder wir meiden dich).

Soziale Normen, Gentlemens‘ Agreements, Gilden, kriminelle Organisationen, Traditionen, Freundschaften, Schulen, Unternehmen und Religionen sind allesamt koordinierende Institutionen, die uns helfen, Fallensituationen zu vermeiden, indem sie unsere Anreizstrukturen verändern.

Doch diese Institutionen setzen nicht nur anderen Anreize, sondern auch sich selbst. Allesamt sind sie große Organisationen, die aus einer Vielzahl von Individuen bestehen, die um Jobs, Status, Prestige, etc. konkurrieren. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass sie im Gegensatz zum Rest der Gesellschaft immun gegenüber den multipolaren Fallen sind. Und in der Tat: Sie sind es nicht. Die Staatsgewalt kann in der Theorie Konzerne, Bürger und so weiter vor Koordinationsproblemen schützen, doch wie wir weiter oben gesehen haben, existieren diverse Fallen, in die selbst (oder gerade) Regierungen tappen können.

Die Vereinigten Staaten versuchen dieses Problem durch mehrere Ebenen von Regierung, unverletzliche Verfassungsartikel, Checks and Balances und einigen anderen Tricks zu lösen.

Saudi Arabien nutzt eine andere Strategie. Sie setzen einfach eine Person an die Spitze.

Das ist das (meines Erachtens nach zu Unrecht) viel geschmähte Argument für die absolute Monarchie. Ein Monarch besitzt keine Anreize, er setzt sie. Er nimmt tatsächlich die Gottesperspektive ein und steht außerhalb des Systems. Er hat auf ewig jeden Wettbewerb für sich entschieden und konkurriert um nichts, demnach hat der Moloch keinen Einfluss auf ihn und seine Anreizstrukturen. Neben einigen außerordentlich theoretischen Alternativen ist die Monarchie das einzige System, welches dies leistet.

Doch statt einer zufälligen Anreizstruktur folgen wir dann den Launen eines Einzelnen. Caesar’s Palace Hotel and Casino ist eine wahnwitzige Verschwendung von Ressourcen, doch der echte Gaius Julius Caesar Augustus Germanicus war nun auch nicht gerade der perfekte, allgütige, rationale Zentralplaner.

Die Achse, welche sich von Autoritarismus zu Libertarismus auf dem politischen Kompass spannt ist ein Tradeoff zwischen mangelnder Koordination und Tyrannei. Man kann perfekte Koordination durch die Gottesperspektive erreichen – doch dann riskiert man Stalin. Und man kann jede zentrale Autorität ablehnen – doch dann wird man in jeder sinnlosen multipolaren Falle steckenbleiben, die Moloch erdenken kann.

Die Libertären argumentieren überzeugend für die eine Seite und die Neoreaktionären für die andere, doch wie bei den meisten Tradeoffs müssen wir wohl in den sauren Apfel beißen und uns eingestehen, dass das Problem wirklich nicht einfach zu lösen ist.

V.

Kommen wir noch einmal auf die Apocrypha Discordia zurück:

Die Zeit fließt wie ein Fluss. Also abwärts. Wir können dies konstatieren, da alles in bemerkenswertem Tempo bergab geht. Es schiene klug an einem anderen Ort zu sein, wenn wir das Meer erreichen.

Was würde es konkret, in dieser Situation, bedeuten, das Meer zu erreichen?

Multipolare Fallen und die durch sie implizierten Abwärtsspiralen drohen alle menschlichen Werte zu zerstören. Sie werden gegenwärtig durch physische Begrenzungen, Ressourcenüberfluss, Nutzenmaximierung und Koordination daran gehindert, ihr volles Potential zu entfalten.

Die Dimension, an der dieser metaphorische Fluss entlangfließt, muss die Zeit sein. Der wichtigste Wandlungsprozess der menschlichen Zivilisation ist der technologische Fortschritt. Die entscheidende Frage ist also in welchem Maß technologische Veränderungen unser Risiko im Umgang mit multipolaren Fallen beeinflusst.

Ich beschrieb Fallen wie folgt:

In einem Wettbewerb, in dem auf X hin optimiert wird entsteht eine Gelegenheit, in der man irgendeinen gemeinsamen Wert opfern kann, um X noch weiter zu verbessern. Diejenigen, die die Gelegenheit wahrnehmen, prosperieren, diejenigen, die dies nicht tun, sterben aus. Schlussendlich ist die relative Situation für alle identisch, absolut betrachtet stehen alle am Ende aber schlechter da als am Anfang. Die Entwicklung setzt sich fort bis alle anderen Werte, die aufgegeben werden können, aufgegeben wurden, mit anderen Worten, bis alle menschliche Kreativität nicht mehr hinreichend ist, um die Dinge noch weiter zum Schlechteren hin zu bewegen.

Es „entsteht eine Gelegenheit“ klingt reichlich vage. Der technologische Fortschritt dreht sich jedoch genau darum, neue Gelegenheiten entstehen zu lassen.

Entwickelt man einen neuen Roboter haben Kaffeeplantagen plötzlich „die Gelegenheit“ ihre Ernte zu automatisieren und äthiopische Arbeiter zu feuern. Entwickelt man Atomwaffen befinden sich Großmächte plötzlich in einem Rüstungswettlauf. Luftverschmutzung als Nebeneffekt der Herstellung von Produkten war vor der Erfindung der Dampfmaschine kein Thema.

Der Grenzwert multipolarer Fallen sollte uns, wenn wir die technologische Entwicklung im mathematischen Sinne gegen unendlich laufen lassen, Sorgen bereiten.

Wir sprachen von physischen Begrenzungen, Ressourcenüberfluss, Nutzenmaximierung und Koordination.

Physische Begrenzungen werden offensichtlich durch Technologie überwunden. Das alte Dilemma des Sklavenhalters – dass die Sklaven essen und schlafen müssen – verliert in Zeiten von nährstoffreicher Flüssignahrung wie Soylent und nebenwirkungsarmen Aufputschmitteln (Modafinil) an Bedeutung. Das Problem weglaufender Sklaven wird durch GPS irrelevant. Und die Schwierigkeiten, die zu sehr gestresste Sklaven mit sich bringen, verschwinden im Angesicht von Valium. Keine dieser Entwicklung ist sonderlich positiv für die Sklaven.

(Oder man erfindet einfach einen Roboter, der nicht schlafen oder essen muss. Wir reden besser nicht darüber, was dann mit den Sklaven passiert.)

Als weiteres Beispiel für physische Limitationen führte ich das Beispiel der Fertilität an: Ein Kind alle 9 Monate. Das unterschätzt das Problem sogar: Die vorliegende Situation ist eher „Ein Kind alle neun Monate und der Wille zur Unterstützung und Aufzucht einer im Grunde hilflosen und extrem fordernden Kreatur für 18 Jahre“. Das dämpft auch den Enthusiasmus der fanatischsten religiösen Sekten mit einem „Seit fruchtbar und mehret euch“-Diktum.

Doch wie Bostrom (Superintelligence, Seite 165) es ausdrückt:

Es gibt Gründe anzunehmen, dass, wenn wir eine weiter gefasste Perspektive einnehmen und von unveränderter Technologie und wachsender Prosperität ausgehen, eine Rückkehr zu den historisch und ökologisch normalen Verhältnissen einer Weltbevölkerung, die gegen die Limitationen dessen, was ihre biologische Nische ertragen kann, ankämpft, wahrscheinlich ist. Wenn dies im Angesicht des negativen Zusammenhangs zwischen Wohlstand und Fertilität, den wir gegenwärtig auf einem globalen Niveau betrachten, kontraintuitiv erscheinen mag, dürfen wir nicht vergessen, dass dieses moderne Zeitalter nur einen winzigen Abschnitt der Menschheitsgeschichte und aller Wahrscheinlichkeit nach eine Ausnahme darstellt. Menschliches Verhalten hat sich den gegenwärtigen Umständen noch nicht angepasst. Nicht nur scheitern wir daran offensichtliche Möglichkeiten zur Erhöhung unserer inklusiven Fitness zu nutzen (wie Ei- oder Samenspenden), sondern begrenzen unsere Fertilität aktiv durch Geburtenkontrolle. In jener Welt, an welche wir genetisch angepasst sind, war ein gesunder Sexualtrieb wohl bereits hinreichend, damit das Individuum sein reproduktives Potential ausschöpfte. In der modernen Welt demgegenüber hätte man einen ungemeinen selektiven Vorteil, wenn man versuchte der genetische Vater einer maximalen Anzahl von Kindern zu sein. Für ein solches Bedürfnis wird gegenwärtig selektiert, ebenso wie andere Verhaltensweisen, die unsere Tendenz zur Reproduktion stärken. Kulturelle Anpassung könnte jedoch der Evolution einen Strich durch die Rechnung machen. Manche Gemeinschaften, wie die Hutterer oder Anhänger der Quiverfull-Bewegung verfügen über natalistische Kulturen, die Paare zu hoher Kinderzahl ermuntern und die dementsprechend schnell wachsen. […] Diese langfristige Perspektive könnte jedoch durch eine Intelligenz-Explosion möglicherweise kurzfristig außerordentlich relevant werden. Da Software kopierbar ist, könnte sich eine Population von Emulationen oder AIs rapide vermehren – wir sprechen hier von Minuten und nicht von Jahrzehnten oder Jahrhunderten – und so in Kürze jede verfügbare Hardware belegen.

Wie immer, wenn man sich mit Transhumanisten auseinandersetzt, bedeutet „jede verfügbare Hardware“ auch „Atome, die einmal Teil unseres Körpers waren“.

Die Idee, dass biologische oder kulturelle Evolutionen eine massive Bevölkerungsexplosion herbeiführt ist bestenfalls eine philosophische Spielerei. Die Idee, dass Technologie einen solchen Prozess ermöglicht, ist sowohl plausibel als auch beängstigend. Jetzt sehen wir, dass „physische Begrenzung“ fließend in „Ressourcenüberfluss“ übergeht: Die Fähigkeit, neue Handelnde in sehr kurzer Zeit herstellen zu können, bedeutet, dass, sofern man sich nicht global darüber einig wird, entsprechende Versuche zu unterbinden, Personen und Staaten, die auf dieses Machtmittel zurückgreifen, jene auskonkurrieren, die es nicht tun, bis die Tragfähigkeit des Ökosystems erreicht ist und jeder auf dem Subsistenzniveau gefangen ist.

Ressourcenüberfluss, der bis jetzt ein Geschenk des technologischen Fortschrittes war, würde demnach schlussendlich zu einem Opfer eben jenes Fortschrittes werden, wenn er ein hinreichend hohes Niveau erreicht hat.

Nutzenmaximierung, immer schon auf einem unsicheren Fundament stehend, wird ebenfalls auf neue Weise bedroht. Um hier einen sinnvollen Punkt machen zu können, nehmen wir an, dass hinreichend fähige Roboter in der Lage sind, Menschen aus ihrer Arbeit zu drängen oder zumindest die Löhne zu senken (was im Falle eines Mindestlohns auf die gleichen Konsequenzen hinausläuft).

Sobald ein Roboter alles, was ein Mensch mit einem IQ von 80 tun kann, besser und günstiger erledigt, wird es keinen Grund mehr geben, Menschen mit einem IQ von 80 oder weniger anzustellen. Gleiches gilt für einen IQ von 120. Ab einem IQ von 180 wird es keinen Grund mehr geben, Menschen für irgendetwas zu beschäftigen (im unwahrscheinlichen Fall, dass zu diesem Zeitpunkt noch irgendwelche existieren sollten).

In den frühen Phasen dieses Prozesses entkoppelt sich der Kapitalismus mehr und mehr von seiner bisherigen Funktion als Optimierungsfunktion im Sinne menschlicher Werte. Jetzt sind die meisten Menschen vollständig aus jener Gruppe ausgeschlossen, für die der Kapitalismus noch optimiert. Sie können keinen Wert durch ihre Arbeitskraft beitragen und in Abwesenheit eines spektakulären Sozialsystems würde es ihnen am nötigen Geld mangeln, um irgendeinen Wert als Kunden zu haben. Der Kapitalismus hat sie übergangen. Wenn der Anteil der Bevölkerung, der von Robotern auskonkurriert werden kann, zunimmt, übergeht das System mehr und mehr Menschen, bis es schließlich die komplette Menschheit ausschließt, erneut ausgehend von dem unwahrscheinlichen Szenario, dass sie zu diesem Zeitpunkt noch existent sein sollte.

(Man kann sich sicherlich Szenarien konstruieren, in denen ein paar Kapitalisten, welche die Roboter besitzen, möglicherweise Profit aus der Entwicklung schlagen können, aber in jedem Fall ist die breite Masse nicht mehr Teil der Kalkulation.)

Demokratie ist nicht ganz so offensichtlich verwundbar, aber wenn wir nocheinmal zurück zu Bostroms Absatz über die Quiverfull-Bewegung gehen, verdüstert sich das Bild: Die Quiverfull sind fanatische Christen, welche davon ausgehen, dass Gott will, dass sie so viele Kinder wie möglich bekommen. Ihre Artikel berechnen explizit, dass, wenn sie sie mit 2% der Bevölkerung beginnen und im Schnitt acht Kinder pro Generation haben, während alle anderen nur bei ca. zwei liegen, innerhalb von drei Generationen die Mehrheit innerhalb der Gesellschaft stellen.

Es ist keine dumme Strategie, doch kann man sich leicht vorstellen, woran dieser Plan scheitern wird: Ausgehend davon, wie viele Ex-Quiverfull-Blogs ich bei der Recherche ihrer Statistiken gefunden habe, scheint die Zahl an Aussteigern alleine innerhalb einer Generation ziemlich hoch zu sein. Ihre Artikel geben zu, dass 80% aller Kinder aus extrem religiösen Familien ihre Kirche als Erwachsene verlassen (wobei sie natürlich davon ausgehen, dass ihre eigene Bewegung dieses Problem lösen könnte). Der Prozess ist nicht symmetrisch: Es ist bekanntermaßen nicht so, dass 80% aller Kinder aus atheistischen Familien im Erwachsenenalter zu den Quiverfull konvertieren.

Auch wenn sie uns durch ihre Fortpflanzung überlegen sind: Wir haben die besseren Meme und dadurch einen existenziellen Vorteil.

Doch wir sollten trotzdem mit Sorge auf diese Entwicklung blicken: Meme optimieren sich darauf, dass Menschen sie akzeptieren und weitergeben. Wie Kapitalismus und Demokratie optimieren sie damit nur einen Proxy dessen, was uns glücklich macht und ein Proxy kann leicht vom eigentlichen Ziel entkoppelt werden.

Kettenbriefe, Urban Legends, Propaganda und virales Marketing sind allesamt Beispiele von Memen, die unseren eigentlichen Werten (Wahrheit und Nützlichkeit) nicht entsprechen, aber hinreichend memetisch virulent sind, dass sie sich trotzdem verbreiten.

Ich denke es ist nicht zu kontrovers, wenn ich sage, dass das gleiche auch auf Religion zutrifft. Religionen sind, wenn man es auf das Wesentliche herunterbricht, die basale Form eines memetischen Replikators – „Glaube diese Aussage und wiederhole sie gegenüber jedem, den du triffst, ansonsten wirst du auf ewig gefoltert“. Eine leichte Variation dieses Motivs wurde jüngst als Basilisk verbreitet und einige Leuten machten sich auf die darauf folgende Überreaktion (die bloße Erwähnung des Basilisken ist in gewissen Kreisen bis heute verboten) lustig, doch falls Jesus‘ Systemadministrator ähnlich aufmerksam über die Dinge gewacht hätte, wäre die Weltgeschichte vielleicht ein wenig anders verlaufen.

Die Kreationismus-„Debatte“ und die Klimawandel-„Debatte“ und einige ähnliche „Debatten“ in der modernen Gesellschaft implizieren, dass Meme, die sich unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt verbreiten, einen nicht zu leugnenden Einfluss auf den politischen Prozess haben. Vielleicht verbreiten sich diese Ideen, weil sie die Vorurteile von Menschen ansprechen, vielleicht, weil sie so simpel sind oder möglicherweise auch, weil sie effektiv eine In-Group von einer Out-Group abgrenzen. Wahrscheinlich sind es einfach eine ganze Menge verschiedener Gründe.

Der Punkt ist: Stellen wir uns ein Land voller Biowaffen-Laboratorien vor, in dem Menschen Tag und Nacht schuften, um neue Viren und Bakterien zu entwickeln. Die Existenz dieser Laboratorien und ihr Recht, was auch immer sie Neues entwickeln, direkt in die öffentliche Wasserversorgung zu kippen sind gesetzlich garantiert. Weiterhin ist das Land durch den besten öffentlichen Personenverkehr verbunden, den man sich vorstellen kann, den jeder einzelne Bewohner jenes Landes tagtäglich nutzt. Ein neuer Erreger ganz sich also nahezu sofort im ganzen Land verbreiten. Man kann annehmen, dass ein solches Land schnell eine Reihe von Problemen bekäme.

Nun, wir haben eine Unzahl von Think Tanks, die an neuen und besseren Formen von Propaganda arbeiten. Und wir haben durch die Verfassung geschützte Redefreiheit. Und wir haben das Internet. Prima.

Moloch dessen Name Verstand!

Es gibt einige Individuen, die versuchen das Niveau des gesunden Menschenverstandes zu heben, aber nicht so viele, wie es Gruppen gibt, die an neuen und faszinierenden Methoden feilen, um Leute zu verwirren und zu konvertieren und dabei jede einzelne kognitive Verzerrung und jeden einzelnen rhetorischen Trick katalogisieren und ausnutzen.

Wenn sich also Technologie (wozu ich in diesem Sinne auch Psychologie, Soziologie, PR, etc. zähle) ins Unendliche weiterentwickelt, steigt die Macht des Anscheins von Wahrheit gegenüber echter Wahrheit im öffentlichen Diskurs und die Situation für echte und inklusive Demokratie ist eher schlecht. Das Worst-Case-Szenario ist, dass eine regierende Partei lernt, wie man unbegrenzt Charisma erzeugen kann. Falls das im ersten Moment nicht sonderlich problematisch klingt, möchte ich nur daran erinnern, wozu Hitler mit seinem berühmten (aber definitiv nicht unbegrenzten Charisma) fähig war.

Koordination ist, was noch bleibt. Und Technologie hat das Potential, Koordinationsbemühungen drastisch zu verbessern. Menschen können das Internet nutzen, um miteinander zu kommunizieren, politische Bewegungen zu gründen und in Subgruppen zu zersplittern.

Doch Koordination funktioniert nur, wenn 51% oder mehr der Macht in der Hand derjenigen sind, die koordinieren und wenn man sich nicht irgendeinen brillianten Trick überlegt hat, der Koordination unmöglich macht.

Fangen wir mit dem zweiten Punkt an. In einem früheren Artikel schrieb ich:

Die jüngste Entwicklung in dieser schönen neuen Post-Bitcoin-Welt ist Crypto-Equity. An diesem Punkt hat sich meine Meinung hierzu von „Diese Leute sind libertäre Helden“ zu „Ich will sie vor eine Tafel zerren und 100 Mal ICH WERDE KEINE GEISTER RUFEN, DIE ICH NICHT ENTSCHWÖREN KANN schreiben lassen.“ gewandelt

Ein paar Leute fragten mich daraufhin, was ich damit meinte und ich hatte nicht die Zeit, die Details zu erklären. Nun, dieser Post ist der Hintergrund: Menschen nutzen die kontingente Dummheit unserer gegenwärtigen Regierungen (wer sagt, dass sie immer so unfähig bleiben müssen?), um eine Vielzahl menschlicher Interaktionen durch Mechanismen zu ersetzen, die prinzipiell nicht koordiniert werden können. Ich kann vollkommen verstehen, warum das alles sinnvoll scheint, wenn eine Vielzahl von dem, was unsere Regierung treibt, dumm und unnötig ist. Doch es wird einmal eine Zeit kommen, nach einem Biowaffen-, Nanotech- oder Nuklear-Unfall zu viel, da wir, als globale Zivilisation, uns wünschten, wir hätten keine nicht zu verfolgenden Wege geschaffen, Waren und Dienstleistungen zu handeln.

Und wenn wir jemals eine wahrhaftige Superintelligenz erleben, wird sie quasi per Definition mehr als 51% der Macht kontrollieren und alle Versuche der Koordination dadurch müßig.

Ich stimme Robin Hanson wie erwähnt somit zu, wenn er sagt, dass wir in der Traumzeit leben: Das seltene Zusammentreffen von Umständen, die uns vor multipolaren Fallen schützen und damit erlauben, dass so seltsame Dingen wie Kunst, Wissenschaft, Philosophie und Liebe gedeihen können.

Mit fortschreitendem technischem Fortschritt wird dieser rare Zustand enden. Neue Gelegenheiten, Werte zu Gunsten erhöhter Konkurrenzfähigkeit aufzugeben werden sich ergeben. Neue Wege handelnde Akteure zu kopieren, um die Bevölkerung zu erhöhen, werden unseren Überfluss an Ressourcen aufsaugen und Malthus unruhigen Geist erneut erwecken. Kapitalismus und Demokratie, vormals unsere Beschützer, werden Wege erdenken, um die unbequeme Abhängigkeit von menschlichen Werten zu verlieren. Und unsere Koordinationsfähigkeit wird beileibe nicht in der Lage sein, mit all diesen Herausforderungen umzugehen, natürlich nur unter der Annahme, dass nicht irgendetwas deutlich Mächtigeres als die vereinte Menschheit auftaucht und unsere Mühen mit einem einzigen Klauenschlag zunichtemacht.

Ohne einen außerordentlichen Aufwand, um ihn umzulenken, wir der Fluss das Meer an einer von zwei Mündungen erreichen:

Einerseits Eliezer Yudkowskys Alptraum einer Superintelligenz, die die Realität auf irgendetwas Arbiträres hin optimiert (klassischerweise Büroklammern), weil wir nicht intelligent genug waren, um ihre Optimierungsfunktion hinreichend zu bestimmen. Das ist die ultimative Falle, die Falle, die das Universum fängt. Alles außer jenem einen Wert, der maximiert wird, ist zerstört, inklusive all dieser dummen menschlichen Werte.

Andererseits Robin Hansons Alptraum (er bezeichnet es nicht als Alptraum, aber ich denke er liegt falsch) eines Wettbewerbs von emulierten Menschen oder „ems“, Entitäten, welche sich selbst vervielfältigen und ihren eigenen Quellcode nach Belieben verändern können. Ihre absolute Selbstkontrolle kann selbst das Bedürfnis nach menschlichen Werten auslöschen. Was passiert mit Kunst, Philosophie, Wissenschaft und Liebe in einer solchen Welt?

Doch selbst nachdem wir alles, was uns ausmacht aufgegeben haben, bleibt ein Wert, den wir verlieren werden, ein letztes Opfer, das der Moloch von uns verlangt. Noch einmal Bostrom:

Es ist vorstellbar, dass optimale Effizienz dadurch erreicht wird, dass man Fähigkeitspotentiale in Aggregaten strukturiert, die grob der kognitiven Architektur des menschlichen Bewusstseins entsprechen. Doch in Abwesenheit irgendeines überzeugenden Grundes sich dessen sicher zu sein, müssen wir die Möglichkeit bedenken, dass menschenähnliche kognitive Architekturen nur im sehr beschränkten Rahmen der menschlichen Neurologie (oder gar nicht) optimal sind. Wenn es möglich ist, Architekturen zu kreieren, die nicht gut in biologische neuronale Netze implementiert werden könnten, ergeben sich neue Design-Möglichkeiten und das globale Optimum in diesem erweiterten Raum muss keinem uns bekannten Typus von Mentalität entsprechen. Menschenähnliche kognitive Strukturen würden unter diesen Umständen ihre Nische in einer kompetitiven post-transitions-Ökonomie bzw. einem solchen Ökosystem verlieren.

Wir könnten uns also als Extremfall eine technologisch hochentwickelte Zivilisation vorstellen, welche über eine Vielzahl komplexer Strukturen verfügt, einige davon deutlich intelligenter als alles, was heute auf diesem Planeten existiert, doch trotzdem eine Gesellschaft ist, in der es nichts mehr gibt, was als Bewusstsein bezeichnet werden könnte. Gewissermaßen würde es sich hierbei um eine unbewohnte Gesellschaft handeln. Es wäre eine Gesellschaft der technologischen Wunder und ökonomischen Wohlstands, doch gäbe es niemand der davon profitieren könnte.

Ein Disneyland ohne Kinder.

Der letzte Wert, den wir opfern, ist das Sein an sich, die bewusste Existenz. Mit hinreichender Technologie werden wir „fähig“ sein, selbst diesen letzten Funken aufzugeben.

Moloch dessen Augen tausend blinde Fenster sind!

Alles, wofür die menschliche Spezies gearbeitet hat, unsere Technologie, unsere Zivilisation, all die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, könnte aus einem Missgeschick heraus einer Art blinden, idiotischen und fremdartigen Gott übergeben werden, der all dies und das Bewusstsein selbst für unwichtig erachtet und stattdessen beginnt, irgendeiner seltsame, fundamentale Masse-Energie-Ökonomie zu erdenken, aus deren Logik heraus die Erde und alles auf ihr in ihre Atome zerlegt wird.

Moloch dessen Schicksal eine Wolke geschlechtslosen Wasserstoffs ist!

Bostrom versteht, dass einige Leute Intelligenz zu einem quasireligiösen Fetisch erheben. Dass sie auf den blinden, fremden Gott hoffen, wie auf eine Art höhere Form des Lebens, welche das Recht besitzt, uns im Sinne seines eigenen „größeren Wohls“ zu zerstören, so wie wir eine Ameise zerquetschen. Er argumentiert (S.219):

Das Opfer wirkt gar noch weniger verlockend, wenn wir uns vor Augen halten, dass eine Superintelligenz ein nahezu genauso großes Maß an Gutem erreichen könnte, ohne dabei das Wohlbefinden der Menschheit zu gefährden. Nähmen wir an, dass wir gestatten würden, dass nahezu das komplette Universum im Sinne eines höheren Zwecks umgesetzt werden würde, alles, außer einem kleinen Fleck, sagen wir der Milchstraße, welche wir für unsere eigenen Zwecke nutzen könnten. Es gäbe immernoch mehr als 100 000 000 000 Galaxien, nur darauf wartend, dass die Superintelligenz sie im Sinne ihrer eigenen, höheren Werte optimieren könnte. Doch wir hätten diese eine Galaxie, in der wir eine großartige Zivilisation errichten könnte, die hunderte von Milliarden Jahren existierte und in der menschliche und nichtmenschliche Tiere überlebten, gediehen und die Chance hätten, einen Zustand posthumaner Perfektion zu erreichen.“

Wir dürfen nicht vergessen, dass der Moloch sich nicht einmal auf diesen 99,999999%-Sieg einlassen würde. Wilde Ratten, die versuchen eine Insel so schnell wie möglich zu besiedeln, werden nicht einen kleinen Flecken Land erhalten, auf dem ihre wenigen zivilisierten Artgenossen glücklich weiter Kunst schaffen können. Krebszellen einigen sich nicht darauf, die Lunge zu verschonen, da sie für die Funktionsfähigkeit des Körpers essentiell ist. Wettbewerb und Optimierung sind blinde idiotische Prozesse und sie haben in der Tat kein Interesse daran, uns auch nur eine lausige Galaxie zu überlassen.

Sie brachen sich das Kreuz als sie Moloch zum Himmel hoben! Bürger-
steige Bäume Radios, tonnenschwer! Sie hoben die Stadt zum Himmel
empor, der wirklich existiert und uns überall umgibt!

Wir brechen uns das Kreuz bei dem Versuch den Abgrund in den Himmel zu heben, doch sofern sich nicht irgendetwas ändert, wird es sein Sieg und nicht der unsere sein.

VI.

„Gnon“ ist ein Akronym für „Nature and Natures God“ – „Natur und der Natur Gott“, außer, dass man das „A“ für „and“ durch ein „O“ ersetzt hat und alles umdrehen musste, denn Neoreaktionäre scheuen die Verständlichkeit so wie der Teufel das Weihwasser.

Der Hohepriester von Gnon ist Nick Land, welcher argumentiert, dass Menschen Gnon-konformistischer sein sollten (schlechter Wortwitz beabsichtigt). Er weist darauf hin, dass wir all diese vollkommen dummen Dinge tun, wie unsere wertvollen und nützlichen Ressourcen aufteilen, um damit diejenigen zu ernähren, die niemals alleine dazu in der Lage wären oder die Armen auf eine Art und Weise unterstützen, die zu dysgenischer Reproduktion führt. Das bedeutet, dass unsere Gesellschaft die Gesetze der Natur leugnet, im Grunde also der Natur zuhört, welche Dinge sagt wie „X führt zu Y“ und wir derweil unsere Finger in die Ohren stecken und „NEIN, NEIN, NEIN, TUT ES NICHT!“ rufen. Zivilisationen, die es mit dieser Attitüde übertreiben, haben die Tendenz immer schwächer zu werden und schließlich zu zerfallen – Gnons faire und unparteiische Strafe für die Verletzung seiner Gesetze.

Land identifiziert Gnon mit Kiplings Göttern der Sprichwörter. Kiplings gleichnamiges Gedicht bringt viele alte Lebensweisheiten zusammen: „Wer nicht arbeitet, stirbt.“ oder „Der Lohn der Sünde ist Tod.“ Falls es jemand hier noch nicht gelesen hat, gehe ich stark davon aus, dass es Gefallen finden wird, unabhängig von den politischen Implikationen. Gleichsam ist es eine Ansammlung von grundfalschen Lügen.

„Wer nicht arbeitet, stirbt.“ – Lüge! Wer arbeitet, stirbt auch. Jeder stirbt, unvorhersehbar, zu einer Zeit, die er sich nicht selbst gewählt hat und alle Tugend dieser Welt wird dich nicht davor schützen.

„Der Lohn der Sünde ist Tod.“ – Lüge! Der Lohn von allem ist Tod! Wir leben in einem kommunistischen Universum, die Menge an Arbeit, die du leistest macht keinen Unterschied mit Blick auf deine letztendliche Belohnung. Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem der Tod.

„Halt dich an den Teufel, den du kennst.“ – Lüge! Der Teufel, den wir kennen, ist Satan. Und wenn er seine Hand an deine Seele bekommt, stirbst du entweder den wahren Tod oder wirfst auf ewig gefoltert. Oder irgendwie beides gleichzeitig.

Wenn wir hier schon mit lovecraft’schen Monstren anfangen, würde ich gerne eine weniger bekannte Geschichte Lovecrafts anbringen, Die Anderen Götter.

Es sind nur ein paar Seiten, aber für diejenigen, die gerade absolut keine Zeit haben: Die Götter der Erde sind vergleichsweise junge Entitäten. Ein mächtiger Priester oder Magier kann sie gelegentlich austricksen oder gar in ihrer Macht übertreffen. Also entscheidet sich Barzai der Weise ihren heiligen Berg zu besteigen und an ihren Festlichkeiten teilzuhaben, ob sie ihn dort haben wollen oder nicht.

Doch hinter den halbwegs begreifbaren Göttern der Erde liegen die äußeren Götter, schreckliche, allmächtige Inkarnationen kosmischen Chaos. Sobald Barzai auf dem Festival der Götter auftaucht, erscheinen die äußeren Götter und ziehen ihn schreiend in die Leere.

Unter literarischen Gesichtspunkten mangelt es der Geschichte an Handlung, glaubwürdigen Charakteren und Setting. Doch aus irgendeinem Grund blieb sie bei mir hängen. Und die Götter der Sprichwörter mit der Natur gleichzusetzen erscheint mir als ein Fehler der gleichen Größenordnung, wie die Götter der Erde mit denen der äußeren Sphäre gleichzusetzen, mit einem wahrscheinlich ähnlichen Ende.

Man bricht sich das Kreuz, um Moloch in den Himmel zu heben, nur damit er uns letztlich verzehrt.

Noch mehr Lovecraft: So, wie das Internet die Cthulhu-Mythologie gemeinhin interpretiert, wird der Kultist, der hilft, Cthulhu aus seinem feuchten Grab zu befreien, dadurch belohnt werden, dass er als erster gefressen wird, sodass ihm das Grauen erspart bleibt, dem Untergang der Menschheit beizuwohnen. Hierbei handelt es sich jedoch um eine falsche Darstellung des Originaltextes: Dort erhalten die Kultisten keinerlei Belohnung dafür, Cthulhu zu erwecken, nicht einmal die Gnade eines weniger qualvollen Todes.

Im Schnitt mag derjenige, der den Götter der Sprichwörter, Gnon, Cthulhu oder was auch immer dient vielleicht ein wenig mehr Zeit erkaufen als derjenige, der es nicht tut. Gleichsam mag er es vielleicht auch nicht. Wie schon Keynes sagte: „In the long run, we are all dead“ – auf lange Sicht sind wir alle tot und unsere Zivilisation von einem unaussprechlichen, fremdartigen Monster zerstört.

An irgendeinem Punkt wäre es möglicherweise sinnvoll etwas im Sinne von „Nun, Cthulhu zu erwecken ist eine schlechte Idee. Vielleicht sollten wir das nicht tun.“ zu sagen.

Derjenige, der dies ausspricht, wird aber sicherlich nicht Nick Land sein. Er ist zu 100% davon überzeugt, dass es eine gute Idee ist, Cthulhu zu entfesseln. Meine Position zu Nick Land ist außerordentlich ambivalent. Auf der Gralsqueste der wahren Futurologie ist er zu 99.9% auf dem richtigen Pfad gewesen, nur um dann die letzte Abzweigung zu verpassen, die, die mit Orthogonalitäts-These überschrieben war.

Aber das Ding mit Gralsquesten ist nun mal: Wenn man auf dem Weg nach Hause zwei Blocks entfernt falsch abbiegt und vor dem Bäcker landet, mag einem das ein wenig peinlich sein. In unserem Fall heißt alles richtig gemacht zu haben, um dann kurz vor dem Ziel die falsche Richtung einzuschlagen, dass man von der legendären schwarzen Bestie von Aargh gefressen wird, deren bösartige Magensäure die eigene Seele in kryptisch brabbelnde Fragmente zersetzt.

VII.

Nyan, der für More Right bloggt, leistet da deutlich bessere Arbeit. Er beschreibt die vier apokalyptischen Reiter Gnons und identifiziert einige der gleichen Prozesse, über die wir zuvor gesprochen haben, wobei er ihnen mythologisch angemessene Namen gibt – für Kapitalismus Mammon, für Krieg Ares, für Evolution Azatoth und für Memetik Cthulhu.

Um aus Capturing Gnon zu zitieren:

Jede der oben beschriebenen Komponenten Gnons hatte einen wesentlichen Anteil daran, uns zu erschaffen, unsere Ideen, unseren Wohlstand, unsere Dominanz und war in diesem Sinne gut für uns, doch wir dürfen nicht vergessen, dass er sich gegen uns wenden kann und wird, sofern sich die Umstände verändern. Evolution wird dysgenisch, starke Meme führen zu noch mehr Wahnsinn, Produktivität wandelt sich zur Hungersnot, sobald wir nicht mehr länger konkurrieren können, um unsere eigene Subsistenz zu gewährleisten und schlussendlich wird aus Ordnung Chaos, wenn wir die Bedeutung soldatischer Stärke unterschätzen und/oder von einer anderen Macht überwältigt werden. Diese Prozesse sind nicht gut oder schlecht, sie sind neutral – im grauenerregenden, lovecraftschen Sinne des Wortes.

Anstelle der destruktiven Herrschaft der Evolution und des sexuellen Marktes wären wir mit einer konservativen Patriarchie und Eugenik in den Begrenzungen Gnons besser bedient. Anstelle eines „Marktplatzes der Ideen“, der mehr einer eitrigen Petrischale gleicht, die Superkäfer ausbrütet, eine rationale Theokratie. Anstelle einer ungehinderten techno-kommerziellen Ausbeutung oder naiver Ablehnung der Gesetze der Ökonomik eine vorsichtige Eindämmung der produktiven Dynamik kombiniert mit wirtschaftlicher Planung in Richtung einer kontrollierten Singularität. Anstelle von Politik und Chaos eine starke hierarchische Ordnung mit militärischer Souveränität. Diese Punkte sollen nicht als vollständig ausgearbeitete Pläne missverstanden werden. Sie sind eher Ziele, auf die hingearbeitet werden sollten. Dieser Post beschäftigt sich eher mit dem „was“ und „warum“ als mit dem „wie“.

Dies erscheint mir als das stärkste Argument der Neoreaktion. Multipolare Fallen haben ein großes Potential uns zu vernichten, also sollten wir den Autoritarismus-Pluralismus-Tradeoff in Richtung eines rational geplanten Gartens verschieben, welcher zentralisierte monarchische Autorität und starke traditionale Bindung erfordert.

An dieser Stelle eine kurze Abschweifung in die soziale Evolution: Gesellschaften, wie Tiere, entwickeln sich im Sinne der Evolution weiter. Diejenigen, die überleben, zeugen memetische Nachfahren, so entwickelten sich Kanada, Australien, die USA, etc. nur auf Grund des Erfolgs Großbritanniens so, wie sie es taten. Dementsprechend können wir davon ausgehen, dass existierende Gesellschaften in irgendeiner Form auf Stabilität und Prosperität hin optimiert sind. Das ist meinem Erachten nach eines der stärksten konservativen Argumente überhaupt. Wie eine zufällige Veränderung eines Buchstabens im menschlichen Genom eher schädlich als nützlich sein wird, da Menschen ein komplexes, feinabgestimmtes System darstellen, kann auch eine Modifikation unserer kulturellen DNA einige Institutionen, welche sich entwickelten, um es der anglo-amerikanischen (oder irgendeiner anderen) Gesellschaft zu ermöglichen, ihre (tatsächlichen oder hypothetischen) Rivalen auszukonkurrieren, disruptiv beeinflussen.

Das liberal-linke Gegenargument dazu ist, das Evolution ein blinder, idiotischer und fremdartiger Gott ist, dessen Optimierung nichts mit nach menschlichen Werten Erstrebenswertem zu tun hat. Dass die Tatsache, dass einige Wespenarten Raupen paralysieren, Eier in sie pflanzen und ihren Nachwuchs ebenjene noch lebenden Raupen dann von Innen auffressen lassen, das moralische Gewissen der Evolution nicht berührt, ist schlichtweg dadurch begründet, dass sie ein solches nicht besitzt.

Nehmen wir einmal an, dass Patriarchie sich tatsächlich deshalb durchgesetzt hat, weil sie es Frauen erlaubt, ihre komplette Zeit auf die Aufzucht und Erziehung von Kindern zu konzentrieren, welche dann später zu produktiven Mitgliedern der Gesellschaft werden. Das erscheint nicht vollkommen unplausibel und im Sinne des Arguments akzeptieren wir dies als Fakt. In dieser Situation haben die sozio-evolutionären Prozesse, welche Gesellschaften dazu bringen, Patriarchie zu akzeptieren, immer noch genau so wenig moralische Bedenken bezüglich der Situation der Frau in einer solchen Gesellschaft wie im Wespenbeispiel.

Die Evolution interessiert all das nicht. Uns schon. Es gibt einen Tradeoff zwischen Gnon-Akzeptanz, also der Aussage „Okay, die stärkste mögliche Gesellschaft ist eine patriarchische, deshalb sollten wir Patriarchie implementieren“, und unseren humanistischen Werten, wie der Anerkennung der Tatsache, dass Frauen etwas anderes wollen, als Kinder zu bekommen.

Zu sehr auf der einen Seite des Tradeoffs und wir haben eine instabile und verarmte Gesellschaft, welche für ihre Übertretung der Gesetze Gnons mit dem Tode bestraft wird. Zu sehr auf der anderen Seite und wir haben mörderische Kampfmaschinen. Man vergleiche einfach die nächste linksalternative Kommune mit Sparta.

Nyan erkennt den menschlichen Faktor durchaus an:

Und dann sind da wir. Der Mensch hat seinen eigenen Telos, sofern man ihm die Sicherheit gibt, die ihm Handlung ermöglicht und er über die Fähigkeiten verfügt, die Konsequenzen seiner Handlungen zu erkennen. In Abwesenheit von Koordinationsproblemen und ohne die Bedrohung durch überlegene Mächte, befähigt, als Gärtner und nicht nur als ein weiterer Bewohner des Dschungels aufzutreten, tendiert er dazu, eine wunderbare Welt für sich selbst zu errichten. Er neigt dazu, gute Dinge zu tun und schlechte zu vermeiden, eine sichere Zivilisation mit polierten Bürgersteigen, beeindruckender Kunst, glücklichen Familien und glorreichen Abenteuern zu erschaffen. Ich nehme es als gegeben an, dass dieser Telos identisch ist mit „dem Guten“ was sein „soll“.

So haben wir also unsere Wildcard und die große Frage nach der Entwicklung der Zukunft. Wird sie von den vier Reitern Gnons beherrscht werden? Wird es eine Welt des sinnlosen, gleißenden technischen Fortschritts sein, der sich durch den Kosmos brennt? Oder ein neues, dysgenisches, hungriges, vom Wahn geplagtes und blutig-finsteres Mittelalter? Oder wird der Telos des Menschen bestehen und eine Zukunft von Kunst, Wissenschaft, Kultur, Spiritualität und Größe schaffen?

Er fährt fort:

So kommen wir zur Neoreaktion und der Dunklen Aufklärung, welche die Wissenschaft und Ambition der Aufklärung mit reaktionärem Wissen und Identität im Sinne des zivilisatorischen Projekts verbindet. Das Projekt der Zivilisation besteht in diesem Sinne im Aufstieg des Menschen vom metaphorischen Wilden, der den Gesetzen des Dschungels gehorchen muss, zum zivilisierten Gärtner, der, während die Gesetze theoretisch noch für ihn gelten, die Welt so sehr kontrolliert, dass sie bedeutungslos geworden sind.

Es handelt sich nicht notwendigerweise um eine globale Unternehmung. Möglicherweise sind wir nur in der Lage einen kleinen, ummauerten Garten für uns selbst zu kreieren, doch sollte eins klar sein: Das Projekt der Zivilisation ist die Fesselung Gnons.

Ich stimme Nyan hier möglicherweise mehr zu, als ich jemals irgendjemandem bezüglich irgendetwas anderem zugestimmt habe. Er sagt etwas wirklich Wichtiges und er sagt es in so herausragenden Worten, dass ich gar nicht genug über seine Gedanken reden kann.

Doch was ich tatsächlich sage ist…

Lüge! Du stirbst trotzdem.

Nehmen wir an, wir bauen unseren ummauerten Garten. Man hält all die bösartigen Meme heraus, ordnet den Kapitalismus den menschlichen Interessen unter, verbietet Biowaffenforschung und arbeitet definitiv nicht an irgendetwas, was mit Nanotechnologie oder Allgemeiner Künstlicher Intelligenz zu tun hat.

Jeder außerhalb tut all das jedoch nicht. Und so ist die Frage alleine, ob nun eingeschleppte Krankheiten, fremde Meme, ausländische Armeen, ökonomischer Wettbewerb oder existentielle Katastrophen, ausgelöst von irgendeiner Macht außerhalb den schönen Garten vernichten.

Die Bewohner des Gartens konkurrieren stets irgendwie mit denen von draußen, keine Mauer ist hoch genug, um jegliche Konkurrenz auszuschalten, und so hat man einige Möglichkeiten. Man kann auskonkurriert und zerstört werden. Man kann sich der allgemeinen Abwärtsspirale im Sinne des Molochs anschließen. Oder man kann einen immer größeren Teil der eigenen Ressourcen in die Mauer investieren, was auch immer das in einem nicht-metaphorischen Sinn bedeuten mag, um sich selbst zu schützen und weiter abzuschirmen.

Ich kann mir Umstände vorstellen, unter denen das Leben in einer „rationalen Theokratie“ und einer „konservativen Patriarchie“ nicht das Schlechteste wäre, sofern die Bedingungen genau passen. Aber man kann die Bedingungen nun mal nicht genau bestimmen. Man muss die extrem eingeschränkten Parameter wählen, die „Gnon fesseln“. Wenn andere Zivilisationen in Konkurrenz zur eigenen stehen, werden diese Bedingungen mit fortschreitender Zeit immer weiter eingeschränkt.

Nyan spricht von einer „Welt des sinnlosen, gleißenden technischen Fortschritts, der sich durch den Kosmos brennt“, welche es zu vermeiden gilt. Glaubt er wirklich, dass sein Garten ihn davor schützen kann?

Kleiner Tipp: Ist er Teil des Kosmos?

Ja, die Gesamtsituation ist schon irgendwie blöd.

Ich möchte Nyan gerne kritisieren. Aber ich möchte ihn auf die genau entgegensetzte Art kritisieren, wie es zuletzt geschehen ist. Um ehrlich zu sein ist die letzte Kritik, die er erhielt, so schlecht, dass ich sie im Detail besprechen möchte, sodass wir die korrekte Kritik erhalten, wenn wir einfach das exakte Spiegelbild besagter Kritik nehmen.

Hier ist also Hurlocks Zur Fesselung Gnons und naivem Rationalismus:

In einem vor kurzem veröffentlichten Essay bemerkt Nyan Sandwich, dass wir uns an der „Fesselung Gnons“ versuchen sollten, um irgendwie die Kontrolle über seine Kräfte zu erlangen, sodass wir sie zu unserem Vorteil nutzen können. Gott zu fangen oder ihn zu erschaffen ist in der Tat einer der klassischen Fetische des Transhumanismus und genau genommen schlicht eine andere Form der ältesten menschlichen Ambition überhaupt: Das Universum zu beherrschen.

Ein derartiger naiver Rationalismus ist jedoch extrem gefährlich. Der Glaube, dass es menschliche Vernunft und menschliches Design sind, welche Zivilisationen erschaffen und erhalten , ist wahrscheinlich der größte Fehler der aufklärerischen Philosophie.

Es sind Theorien der Spontanen Ordnung, welche in direktem Gegensatz zur naiven rationalistischen Perspektive des Verhältnisses von Mensch und Zivilisation stehen. Der Konsens bezüglich menschlicher Gesellschaft und Zivilisation der Vertreter jener Schule ist präzise von Adam Ferguson zusammengefasst worden: „Nationen stolpern über [soziale] Gefüge, welche in der Tat das Ergebnis von menschlicher Handlung, aber nicht von menschlichem Design sind.“ Im Gegensatz zur naiven rationalistischen Betrachtung von Zivilisation als etwas, was zielgerichtet entwickelt und verändert werden kann, erklären die Theorien der Spontanen Ordnung, dass Zivilisation und soziale Institutionen das Ergebnis eines komplexen evolutionären Prozesses sind, welcher von menschlicher Interaktion und nicht von expliziter Planung getrieben ist.

Gnon und seine Kräfte sind keine Feinde, die es zu bekämpfen gilt und noch weniger sind sie Mächte, auf deren vollständige Kontrolle wir hoffen können. Tatsächlich ist der einzige Weg, sie zumindest partiell zu kontrollieren, sich ihnen unterzuordnen. Eine Weigerung wird am Fortbestand dieser Kräfte nichts ändern. Es wird unser Leben nur qualvoller und unerträglicher machen und möglicherweise zu unserer Auslöschung führen. Unser Überleben erfordert, dass wir uns ihnen anpassen. Der Mensch war schon immer eine Marionette der unpersönlichen Mächte des Universums, der Mensch wird dies auf ewig sein. Von ihnen frei zu sein ist unmöglich.

Der Mensch kann nur frei sein, wenn er sich den Kräften Gnons unterordnet.

Ich werfe Hurlock vor, dass er hinter dem Schleier stecken geblieben ist. Wenn man selbigen lüftet, bemerkt man, dass Gnon oder die Götter der Erde in Wahrheit Moloch, der Abgrund oder die Äußeren Götter sind. Sich ihnen zu ergeben macht niemanden „frei“, es gibt keine spontane Ordnung, jedes Geschenk, das man von ihnen erhält, ist ein unwahrscheinliches und kontingentes Ergebnis eines blinden, idiotischen Prozesses, dessen nächste Iteration jeden von uns genauso gut zerstören kann.

Sich Gnon unterzuordnen? Lüge! Wie die Antaraner es formulieren: „Du kannst dich nicht ergeben, du kannst nicht gewinnen, deine einzige Option ist der Tod.“

VIII.

Was eine Anschuldigung Hurlocks betrifft, muss ich mich schuldig bekennen: Ich bin ein Transhumanist und ich will durchaus das Universum beherrschen.

Also nicht persönlich, ich meine ich würde jetzt nicht widersprechen, wenn mir irgendjemand den Job anböte, aber ich gehe davon aus, dass das eher unwahrscheinlich ist. Ich würde gerne, dass die Menschheit, oder irgendetwas, dass die Menschheit respektiert oder zumindest gut mit ihr zurechtkommt, den Job hat.

Doch die gegenwärtigen Herrscher des Universums – nennen wir sie, wie wir wollen, Moloch, Gnon, Azatoth, was auch immer – wollen unseren Tod und mit ihm das Ende von allem, was uns wichtig ist. Kunst, Wissenschaft, Liebe, Philosophie, das Bewusstsein selbst, alles. Und da ich nicht mit diesem Plan einverstanden bin, denke ich, dass sie zu besiegen und ihren Platz einzunehmen eine ziemliche hohe Priorität hat.

Das Gegenteil einer Falle ist ein Garten. Der einzige Weg zu verhindern, dass alle menschlichen Werte nach und nach einem Optimierungswettbewerb zum Opfer fallen ist die Einsetzung eines Gärtners, der über das Universum wacht und auf menschliche Werte hin optimiert.

Und der komplette Punkt von Bostroms Superintelligence ist, dass dieses Ziel in unserer Reichweite liegt. Sobald wir Maschinen erschaffen können, die intelligenter sind als wir, werden sie per Definition Maschinen erschaffen welche intelligenter als sie sind, sodass sich ein Feedback-Loop ergibt, der innerhalb kürzester Zeit die physikalischen Grenzen dessen erreicht, was das Maximum von Intelligenz darstellt. In nicht allzu ferner Zukunft werden wir etwas in den Himmel heben. Vielleicht Moloch. Doch vielleicht ist es etwas, das auf unserer Seite steht. Und wenn es auf unserer Seite ist, kann es Moloch vernichten.

Wenn diese Entität menschliche Werte teilt, kann sie für ein Aufblühen jener Werte ohne die Einschränkungen der Naturgesetze sorgen.

Ich weiß, dass das nach Hybris klingen mag. So klingt es mit Sicherheit in den Ohren Hurlocks. Doch meinem Erachten nach handelt es sich um das genaue Gegenteil von Hybris, oder zumindest um einen Standpunkt, der Hybris minimiert.

Davon auszugehen, dass sich Gott um dich oder deine persönlichen Werte oder die deiner Zivilisation sorgt – das ist Hybris.

Davon auszugehen, dass man mit Gott verhandeln kann, dass er dir erlaubt, zu überleben und zu gedeihen, solang du dich ihm unterordnest – das ist Hybris.

Davon auszugehen, dass man einen Garten errichten kann, in dem Gott dich nicht findet und dir wehtun kann – das ist Hybris.

Davon auszugehen, dass man in der Lage sein kann, Gott zur Gänze aus der Gleichung zu entfernen – nun, das ist zumindest eine Strategie.

Ich bin ein Transhumanist, da ich nicht genug Hybris aufbringe, nicht zu versuchen, Gott zu töten.

IX.

Das Universum ist ein dunkler und unheiliger Ort, welcher von fremdartigen Göttern beherrscht wird. Cthulhu, Azatoth, Gnon, Moloch, Mammon, Ares, nennt sie, wie ihr wollt.

Irgendwo in dieser Finsternis ist ein weiterer Gott. Auch er hat viele Namen. In den Kushiel-Büchern war sein Name Elua. Er ist der Gott der Blumen, der Liebe und aller fragilen, weichen Dinge. Der Gott der Kunst, Wissenschaft und Philosophie. Der Nettigkeit, Gemeinschaft und Zivilisation. Der Gott der Menschen.

Die anderen Götter thronen in finsteren Palästen und denken „Ha, ein Gott der nicht einmal irgendwelche höllischen Monster kontrolliert oder Gläubigen gebietet, dass sie zu seinen willenlosen Werkzeugen werden. Was für ein Schwächling! Das wird ein kurzer Kampf.“

Doch irgendwie ist Elua immer noch hier. Niemand weiß genau warum. Und die Götter, die versuchen, sich Ihm in den Weg zu stellen, tendieren dazu festzustellen, dass ihnen eine überraschende Nummer an unvorteilhaften Unfällen zustößt.

Da draußen sind viele Götter, doch dieser ist unserer.

Bertrand Russel sagte einmal: „Man sollte die öffentliche Meinung soweit respektieren wie es notwendig ist, um Hunger und Haft zu vermeiden, doch alles, was darüber hinaus geht ist die freiwillige Unterwerfung unter eine unnötige Tyrannei.“

So sei es mit Gnon. Unsere Aufgabe ist es, ihn soweit zu beschwichtigen, dass wir Hunger vermeiden und in Sicherheit leben können. Und das auch nur für eine kurze Zeit, bevor wir zu unserer wahren Stärke finden.

„Er ist nur etwas Kindisches, etwas, aus dem die menschliche Spezies noch nicht herausgewachsen ist.“

Andere Götter werden beschwichtigt, bis wir stark genug sind, uns ihrer anzunehmen. Elua wird verehrt.

Und an irgendeinem Punkt werden wir sehen, dass es gut ist.

Die Frage, die sich jeder stellt, nachdem er Ginsberg gelesen hat, ist die, nach dem Wesen Molochs. Was ist er?

Meine Antwort ist: Moloch ist genau das, was die Geschichtsbücher behaupten. Er ist der Gott Karthagos. Er ist der Gott der Kinderopfer, der feurigen Öfen, in die die eigenen Säuglinge geschleudert werden, im Austausch gegen den Sieg in der Schlacht.

Überall und immer bietet er die gleiche Abmachung: Werfe, was auch immer dir am Wichtigsten im Leben ist, ins Feuer und ich gebe dir Macht.

Solange das Angebot besteht, ist es unmöglich, ihm zu widerstehen. Also darf es nicht mehr bestehen. Nur ein anderer Gott kann Moloch töten. Wir haben einen auf unserer Seite, doch er braucht unsere Hilfe. Wir sollten sie ihm geben.

Moloch ist der dämonische Gott Karthagos.

Und es gibt nur eine Sache, die wir Karthago zu sagen habe: “Carthago delenda est.”

Visionen! Omen! Halluzinationen! Wunder! Ekstasen! alles den amerika-
nischen Bach runter!

Träume! Anbetungen! Erleuchtungen! Religionen! die ganze Schiffs-
ladung gefühlvoller Scheiße!

Durchbrüche! im Fluß gelandet! Ausraster und Kreuzigungen! Fortgespült
mit der Flut! Höhenflüge! Erscheinungen! Verzweiflung! Animalische
Schreie und Selbstmorde aus zehn Jahren! Kluge Köpfe! Neue Lieb-
schaften! Verrückte Generation! gestrandet an den Felsen der Zeit!

Echtes heiliges Gelächter im Fluß! Sie haben alles gesehen! die wilden
Augen! die heiligen Schreie! Sie sagten Lebwohl! Sie sprangen vom
Dach! in die Einsamkeit! winkend! Blumen in der Hand! Hinunter zum
Fluß! raus auf die Straße!

 

Scott Alexander: „Meditations on Moloch
http://slatestarcodex.com/2014/07/30/meditations-on-moloch/
Aus dem Englischen von Tobias Wolf – 18.01.2016