Die fundamentale Dekonstruktion

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Dieser Text wurde von einem unserer Mitglieder für unsere Summer Solstice 2017 geschrieben und dort vorgetragen. Auf mehrfachen Wunsch veröffentlichen wir ihn hier.

Ich habe die Tage ein Videofragment gefunden, welches ich einfach nicht aus meinem Kopf bekommen habe: Aus der Dokumentation COLLISION, mit Hitchens und dem konservativen Theologen Douglas Wilson. Beide sitzen spätabends auf der Rückbank eines Wagens und reden miteinander. Die Kamera ist wacklig, die Qualität des Youtube-Uploads mies und Hitchens sagt

If I could convert everyone in the World, not convert, convince to be a non-believer and I’d really done brilliantly and there’s only one left. One more and then it’d be done. No more religion in the world. I wouldn’t do it. I don’t quite know why but I wouldn’t do it. And it’s not just because there would be nothing left to argue with and no one left to argue with. It is not just that. Though it would be that. Somehow if I could drive it out of the world – I wouldn’t. And the incredulity with which Dawkins looked at me when I told him that, stays with me still. I got to say.

Das hat mich zum Nachdenken gebracht, zusammen mit einigen Vorlesungen von Jordan Peterson. Denn Menschen sind besessen von dieser Frage, sie ist geradezu archetypisch für unsere Spezies: Was machen wir eigentlich hier? Was soll das? Wohin führt das?

Warum stellen wir uns solche Fragen? Ich meine Tiere tun es nicht.

Früher sprachen Leute in diesem Sinne von Erlösung, einem letztlichen Ziel des Seins. Heute redet man allerhöchstens noch in einem sozialtechnischen Sinn über Glück, Wohlbefinden oder positive Psychologie. Aber was ist, wenn Leute tief in sich diesen Drang nach Erlösung und Sinn in sich tragen?

Ich meine was kam nachdem wir durch Aufklärung, kritisch-historische Bibelexegese und schlussendlich die Evolutionstheorie das Christentum im 19. Jahrhundert nach und nach breitenwirksam als im Wortsinne un-glaublich dekonstruiert hatten? Nachdem die zentrale Sinngebungsstruktur der westlichen Welt in einer „Der Kaiser ist nackt“-Situation als offenkundiger Unsinn entlarvt wurde?

Es kamen die großen Systeme des 20. Jahrhunderts, die, nachdem wir das Paradies verloren hatten, selbiges auf Erden zu errichten versprachen. Der Marxismus, der den vermeintlichen Wahrheiten der Bibel das Weltgesetz des historischen Materialismus entgegensetzte. Der Nationalsozialismus, mit einem gottgleichen Führer, der sich eine einen pervertierten Darwinismus zu eigen machte, um den Sieg und die Perfektion des eigenen Volkes in einem angeblichen Rassenkampf zur Bestimmung des Individuums zu erheben. Beiden erhoben vermeintliche Erkenntnisse der Wissenschaft zu ewigen Wahrheiten und lösten damit Religion durch ihr verkrüppeltes Gegenstück, die Ideologie, ab. Wohin uns diese Extreme führten, muss ich wahrscheinlich niemandem ins Gedächtnis rufen: Shoah, Weltkrieg, Großer Sprung nach vorn, Hodomor, Archipel Gulag, Kulturrevolution, Killing Fields, etc.

Die liberale Gesellschaftsordnung ist im Vergleich dazu sicherlich die bessere Alternative. Man mag vielleicht aus dem technischen Fortschritt und dem Streben nach mehr Wohlstand, Freiheit und Gleichheit so etwas wie einen ewigen Modernisierungsnarrativ konstruieren, der Einigen Halt geben kann. Doch Antworten auf die Sinnfrage findet man hier nicht.  Ganz im Gegenteil ist es der Nihilismus, der hier um sich greift:

Nihilismus beginnt von der vernünftigen Einsicht, dass ewige Wahrheiten falsch und in der Realität nicht brauchbar ist. Die meisten Ereignisse sind bedeutungslos, Sinn ist nicht objektiv, es gibt keinen kosmischen Plan und keine Erlösung.

Darauf aufbauend invertiert Nihilismus schlicht die Kernbehauptung der Religionen und Ideologien: Alles ist in Wahrheit sinnlos. Scheinbarer Sinn ist eine Illusion, beliebig oder subjektiv und dementsprechend nicht real und unbedeutend.

Doch der Versuch ohne Bedeutung, Zweck oder Wert zu leben führt zu Zorn, Schmerz, Entfremdung, Depression und Erschöpfung. Jede vermeintliche Quelle von Sinn, sei es Schönheit, Tugend, Familie, Freundschaft wird im postmodernistisch-bilderstürmerischem Geiste dekonstruiert. Dies macht ehrlichen Nihilismus aktiv zum Feind von nahezu allem, was das Leben lebenswert macht.

Und das macht das Leben in unserer reichen Gesellschaft manchmal so verdammt grau und trüb. Klar, es geht uns materiell extrem gut und man kann mir vorwerfen, dass ich auf hohem Niveau jammern würden und eventuell mag das ja sogar stimmen, aber die Zahlen sprechen dafür, dass die vergangenen Jahrzehnte der ungemeinen Wohlstandsmehrung uns nicht wirklich glücklicher gemacht hat. Stattdessen irren wir von Generation zu Generation mehr als atomisierte Individuen durch die Welt und versuchen auf einem Fundament zu balancieren, welches unsicherer und unsicherer scheint und klammern uns an jedes Fünkchen Sinn, welches wir noch finden, sei es Identitätspolitik oder Kein-Mensch-Ist-Illegal-Artiges Weltbürgertum und verteidigen diese Überzeugungen mit quasireligiösem Eifer.

Ich meine, warum regt es Leute so auf, wenn man ihre Grundüberzeugungen kritisiert? Warum fühlen sie sich so, als würde man ihnen die Bretter, aus denen ihr Floß gebaut ist unter den Füßen wegziehen, sodass sie am Ende ertrinken? Worin ertrinken, verdammt nochmal?

In Chaos. Denn wenn wir jede Sinngebungsstruktur dekonstruieren, macht uns das nicht nur fundamental unglücklich, es überfordert uns zudem. Die Welt ist in all ihren Facetten so ein komplexer Strom, dass wir sie zwangsläufig in Form gießen müssen, um nicht durchzudrehen.

Habt ihr mal erlebt, wie sich eine Situation von einem Moment auf den anderen verändert? Wie Dinge, die ihr für gegeben gehalten habt wegbrechen? Z.B. wenn jemand aggressives euch in der Bahn anpöbelt? Wenn ich jetzt plötzlich ein Messer ziehen würde? Wenn ein Mensch, den ihr für einen guten Freund gehalten habt, sich auf einmal als jemand gänzlich anderes herausstellt? Von einem Moment auf dem anderen bricht der Ordnungsrahmen um euch zusammen und ihr seid mitten im Chaos.

Ich denke, dass dieses Chaos in modernen westlichen Industriegesellschaften immer schneller einbrechen kann und die Decke der Zivilisation dünner wird, je mehr wir alles, was uns als geteiltes Fundament dienen könnte, widerlegen und dekonstruieren. Manche werden immer anfälliger und instabiler, andere suchen sich neue absolute Gruppenidentitäten über deren Grenzen hinweg der Dialog immer schwerer wird und demokratische Prozesse zu Nullsummenspielen werden lässt.

Könnte irgendeine geteilte Sinnstruktur, eine Art breiterer Minimalkonsens, hier ein Ausweg sein? Ich denke schon. Wie könnte sie aussehen? Ich weiß es nicht. Insofern blicke ich mit einem ambivalenten Gefühl von Neid auf die Zeiten zurück, als es diese noch gab und Menschen ihre Fragen nach Sinn und Identität mit Blick in ein Buch beantworten konnten. Vielleicht ist es das, was in Hitchens Worten mitschwingt.

Ich weiß es nicht.