Ein helles Licht

Ein Text zur Winter Solstice.

Das Universum entstand in einem gewaltigen Lichtblitz. Die ersten Äonen lang gab es kaum mehr als Staub. Nur langsam führten Gravitation und Elektromagnetismus dazu, dass der Staub sich in Klumpen zusammenballte. Sterne formten sich, Planeten entstanden, und weit draußen in den Einöden eines Ausläufers jener Galaxie, die später als Milchstraße bezeichnet wurde, schien eine kleine gelbe Sonne auf die Erde. 

Am Anfang war die Erde, so heißt es, wüst und leer. Doch die Sonne schien auf die schlafende Erde, und tief unter der spröden Kruste warteten mächtige Kräfte darauf, entfesselt zu werden. Die Meere teilten sich und große Erdteile wurden gebildet. Und schließlich entstanden die ersten Regungen von Leben. Winzige Organismen, Zellen und Amöben, die Halt fanden in kleinen geborgenen Lebensräumen. Aber die Saat des Lebens spross, kräftigte und verteilte sich, wurde abwechslungsreicher und gedieh, und bald wimmelte jeder Erdteil und jedes Klima von Leben. Mit dem Leben kamen Gene, Selektion und Vererbung; Pilze, Bakterien, Pflanzen und Tiere. Als die Zeitalter vergingen, entwickelte sich mehr und mehr Komplexität. Kämpfe wurden ausgetragen. Hunger gestillt. Liebe und Bindung entstanden. Und schließlich kulminierte dieser Prozess in Kreaturen, die dazu in der Lage waren, zu den Sternen hinauszublicken und sich zu fragen: “Warum existieren wir?”

Diese Wesen, angetrieben und geschaffen von etwas das sie kaum verstanden, machten sich auf, ihren Platz in der Welt zu definieren und sich selbst zu erklären, woher sie stammen.Sie begannen, sich Geschichten zu erzählen. Und wie die Organismen, aus denen sie hervorgegangen waren, so wuchsen und veränderten sich auch ihre Überzeugungen in einem evolutionären Prozess. Ihre Ideen verursachten furchtbare Tragödien und ermöglichten unglaublichen Fortschritt. Und stets blieb da dieser Antrieb, diese urtümliche Neugier – das Verlangen, zu wissen und zu verstehen, was den Kosmos ausmacht. Und die denkenden Wesen vereinten ihre Kräfte und ihr Wissen, um alle Antworten zu finden. 

Sie griffen nach den Sternen und machten sich auf in die Weiten des Universums, und vielleicht fanden sie andere denkende Wesen. Fremdartig, aber vielleicht in irgendeinem Aspekt auch ähnlich wie sie selbst. Vielleicht entwickelten die denkenden Wesen Maschinen und künstliche Netzwerke, die Informationen noch schneller und tiefgründiger verarbeiten konnten als sie selbst.  Aus dem Austausch von Wissen zwischen Millliarden von einzelnen Entitäten ging ein Gesamtgefüge hervor, wie einst aus den individuellen Zellen ein Hirn entstand. Und dieses Netz, diese Gemeinschaft selbst war ein Teil des Universums, der begonnen hatte, Nachforschungen über eben jenes Universum anzustellen. Wir sind der Kosmos, der sich selbst erforscht.

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