Effektiver Altruismus – Making a difference?

 

Bin ich ein guter Mensch? Wenn man das eigene Handeln kritisch reflektiert, wird sich wohl die breite Mehrheit der Gesellschaft im Groben mit sich selbst im Reinen befinden. Doch der gelegentliche Blick über die eigene Erstwelt-Lebensrealität hinaus stellt diese Wahrnehmung in Frage: Unterernährung, Kriege, Katastrophen prägen das medial vermittelte Bild und sorgen in schwachen Stunden für diesen nagenden Zweifel, ob man nicht mehr tun könne. Die Vernetzung lässt uns nicht mehr nur am beschränkten Leid der nächsten, sondern ebenso am deutlich größeren der Fernsten teilhaben. Und gerade wenn nach einem Taifun, Erdbeben, Tsunami, etc. die Opferzahlen in die Höhe schnellen, Prominente zu Spendengalas eingeladen werden und mit Herz zerreißender Musik unterlegte Waisenkinder den Zuschauer mit großen Augen anstarren, muss der eigenen Empathie Genüge getan werden: Man spendet – und das Gewissen ist beruhigt.

“EA – Combining Heart and Head”

Dass das beschriebene Handeln ein altruistisches, im Sinne von auf den Nutzen anderer ausgerichtetes gewesen ist, darauf mag man sich noch einigen können. Doch was hat man damit erreicht? Wenn Menschen nach Katastrophen auf Soforthilfe angewiesen sind, fließt das Geld schnell und reichlich, doch die Umstände vor Ort sind komplex und oft gelingt es nicht, die gesammelten Spenden effektiv für die Betroffenen einzusetzen. Wenn es nun aber andernorts vergleichbares Leid gäbe, welches mit dem gleichen finanziellen Spendenaufwand viel effektiver zu minimieren wäre, auch wenn es nicht im medialen Fokus steht? Ist es unter solchen Umständen nicht sinnvoll, sein Spendenverhalten anzupassen und das besser zu verhindernde Leid in Angriff zu nehmen?

Stellt man sich diese Fragen, ist man bereits mitten in der Gedankenwelt des Effektiven Altruismus. Inspiriert von utilitaristischen Vordenkern (zu nennen ist hier im Besonderen Peter Singer) bezeichnet der Begriff eine seit Ende der letzten Dekade wachsende soziale Bewegung, deren Handeln auf einer zentralen Grundfrage aufbaut: Wie kann man die beschränkten Ressourcen Zeit und Geld optimal einsetzen, um das Leben möglichst vieler empfindungsfähiger Wesen möglichst umfassend zu verbessern?

Das Mittel der Wahl, diese maximale Effektivität zu erreichen, ist die Rationalität. Dies meint letztlich nichts anderes, als dass das eigene Handeln strategisch darauf ausgerichtet ist, gesetzte Ziele mit größtmöglicher Wahrscheinlichkeit kosteneffizient zu erreichen. Doch als letztlich zufälliges Produkt einer blinden evolutionären Dynamik ist der Mensch häufig irrational, trifft also Entscheidungen, die nicht Ziel führend sind. Zeigt sich ein gewisses Muster derartiger irrationaler Verzerrungen, nennt man dies einen Cognitive Bias. Psychologen und Kognitionswissenschaftler haben inzwischen Dutzende dieser Biases entdeckt, die unsere eigentlichen Intentionen systematisch konterkarieren. Ist man sich ihnen jedoch bewusst und greift auf Werkzeuge, wie Logik, Entscheidungs- oder Wahrscheinlichkeitstheorie zurück, kann man dem Ideal der Rationalität deutlich näher kommen und seine eigenen Ziele besser umsetzen.

Das obige Beispiel zeigt dies: Wenn das eigene Ziel darin besteht, das Leid möglichst vieler Menschen möglichst umfassend zu minimieren und man sich deshalb mit dem Gedanken trägt, eine Spende zu tätigen, sollte man sich nicht den irrationalen Affekten hingeben, welche durch das mediale Dauerfeuer im Rahmen einer Krisenberichterstattung generiert werden, sondern stattdessen ganz gezielt überlegen, welche Organisation mit dem eigenen Geld den maximalen Nutzen (Impact) erzielen kann. Da das recht aufwendig ist, gibt es inzwischen diverse Organisationen, welche Hilfsorganisationen evidenzbasiert auf ihren Impact hin überprüfen und Einschätzungen vergeben oder Spenden direkt weiterverteilen.

Effektivität in Ehren – doch warum nun diese ausgerechnet für altruistische Zwecke nutzen, wenn man genauso gut Egoist sein könnte? Eine klassische Antwort auf diese Frage ist ein Gedankenexperiment: Ein schöner Maitag, man ist einmal zu Fuß unterwegs zur Arbeit, möglicherweise steht ein Meeting an, jedenfalls würde das erklären, weshalb man sich in seinen besten Anzug geworfen hat: 500 Euro hat das gute Stück gekostet, aber dafür ist es auch eine Maßanfertigung. Doch gerade als man am kleinen Teich am Rand des Stadtparks entlangkommt, hört man einen Hilfeschrei. Ein kleines Mädchen ist in das brackige Wasser gefallen und droht zu ertrinken! Das Wasser ist nicht tief und man kann ohne Gefahr das Kind retten, doch der Anzug wäre hin…

Wer würde das Kind nicht retten?

Wahrscheinlich alleine eine winzige Minderheit mit einem ausgeprägten Hang zur Psychopathie. Gleichzeitig ist das Ganze rational betrachtet eine Kosten-Nutzen-Abwägung. Ein Menschenleben im Austausch für 500 Euro. Aber wenn man das Mädchen ohne zu zögern aus dem Teich holen würde, warum lässt man dann die mehr als 6 Millionen Menschen, die jedes Jahr an leicht heilbaren Krankheiten sterben im globalen Sumpf zurück? Was ist mit den 800 Millionen, die hungrig ins Bett gehen? Oder mit der Milliarde, die keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser hat? Die Liste ließe sich lange fortsetzen.

Das Trolley-Problem – Die Mutter aller ethischen Dilemmata.

Doch ist es mit einer kleinen Spende schon getan? Sollte man im Angesicht des Leides auf der Welt, welches durch effektive Allokation von Mitteln verhindert werden könnte, nicht lieber einen Großteil seines Einkommens spenden? Oder gleich selbst praktisch helfen? An Menschen, die direkten Impact durch ihre Arbeit vor Ort erzielen wollen herrscht aber kein Mangel. Wäre es dann nicht möglicherweise am sinnvollsten die eigene Karriereplanung, sofern man schon nicht durch seine Arbeit direkt helfen kann, auf einen Job mit maximalem Einkommen auszurichten, um so gleich ein ganzes Dutzend von direkten Helfern via Spende finanzieren zu können? Und ist es nicht am Ende gar vermessen, all diese Überlegungen nur auf Menschen zu beschränken? Was ist mit anderen Tieren, deren Leidensfähigkeit erwiesenermaßen sehr ausgeprägt ist? 60.000.000.000 Landtiere leiden jährlich in Massentierfabriken, wo sie letztlich geschlachtet werden. Müsste ein konsequenter effektiver Altruist nicht auch seinen (Fleisch-)Konsum überdenken?

Dass ein konsequent effektiv altruistischer Lebensstil letztlich aller Wahrscheinlichkeit nach eine radikale Umstellung erfordern würde ist etwas, was dem Konzept nicht zuletzt viele Kritiker vorwerfen: Der Effektive Altruismus sei „too demanding“, würde also zu viel von den Leuten verlangen. Gleichzeitig meinen Befürworter, dass auch ein kleiner erzielter Nutzen immerhin besser ist als gar keiner und man die ideale des Effektiven Altruismus nicht als oberste Priorität in der eigenen Lebensplanung festlegen muss, sondern genauso gut versuchen kann, ein Gleichgewicht zwischen verschiedenen Präferenzen, von denen der Effektive Altruismus einer wäre, zu finden.

Die Giordano Bruno Stiftung Schweiz hat den Effektiven Altruismus zu einem ihrer Kernthemen gemacht. Sie begründete unter Anderem die Initiativen Effective Altruism Switzerland und Raising for Effective Giving (REG), ein Projekt, bei welchem sich professionelle Pokerspieler verpflichten, 2% ihres Gewinns (oftmals mehrere Millionen) über die gbs Schweiz an effektive Hilfsorganisationen zu spenden. Nähere Informationen zur Impact-Evaluation entsprechender NGOs finden sich z.B. bei givewell.org/.

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