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Jan Szyper *1985
HU: Physik B.Sc.
shbh gbs Mitglieder Jan Szyper
(c) Evelin Frerk

Vereinnahmt mich mein Studium gerade nicht, lerne ich alles Mögliche rund um NGO-Arbeit, lese über menschliche (Ir-)Rationalität oder dilettiere als Komponist von Kammermusik. Ich bin zwar in Deutschland aufgewachsen, stehe aber mit meinen Verwandten und FreundInnen im erzkatholischen Polen in Kontakt und bin somit über die Realität dort auf dem Laufenden. Das hat mich für die Themen Atheismus und Humanismus sicher auch sensibilisiert. Allerdings hat mir spätestens das Engagement bei den Säkularen HumanistInnen die Augen dafür geöffnet, dass man mit dumpfem Rumhacken auf Religion nichts Positives in der Gesellschaft bewirken kann.

Religion spielt im öffentlichen Diskurs bestenfalls eine KomparsInnenrolle, und die Kirche ist nicht mehr die allmächtige, angsteinflößende Institution von einst. Es drohen keine Religionskriege wegen „theologischer Differenzen“ Europa in Brand zu stecken. Die Probleme, die wir mit (organisierter) Religion haben, sind nicht existenzieller Art. Sie sind, abgesehen von wenigen Ausnahmen, wie z.B. dem Arbeitsrecht, „White People Problems“. Die Mitgliederzahlen der Großkirchen erodieren. Es scheint auch keinen Bedarf mehr an „Aufklärung im 21. Jahrhundert“ zu geben, schließlich ist die AbiturientInnen- und AkademikerInnenquote ist so hoch wie nie.

Warum engagiere ich mich dann für Humanismus?

Viele Junge Menschen sehen über ihren Tellerrand hinaus und nehmen Anteil am Schicksal der Menschen in den ärmsten Regionen der Welt und dem milliardenfachen Leid in Tierfabriken. Sie fragen sich, warum unsere Gesellschaft nicht zu mehr als nur symbolischen Gesten bereit ist, um das Leid in der Welt zu verringern. Ist es, weil wir, die wir glauben, uns vom Einfluss der Kirche befreit zu haben, immer noch nur unsere Nächsten lieben und Tiere als seelenlose Nutzgüter betrachten? Brauchen wir ein moralisches Upgrade für das 21. Jahrhundert?

Und wie steht es wirklich um unsere Aufgeklärtheit? Der beispiellose Fortschritt in der Gen- und Computertechnologie beißt sich mit deren geringem Verständnis in der Bevölkerung, sichtbar daran wie viele grüne Gentechnik pauschal ablehnen und ein Pflichtfach Informatik an Schulen für unnötig halten. An den Hochschulen wächst der Einfluss von Unternehmen, in vielen Fällen entscheiden aus Bankern und Managern bestehende Hochschulräte über die Ernennung der Rektoren, und wenn ökonomische Interessen durch wissenschaftliche Erkenntnisse bedroht sind, werden Studien gesponsert um diese zu „widerlegen“.  In den letzten zwanzig Jahren konnten die Psychologie und die Verhaltensökonomik zudem demonstrieren, dass Menschen sich in vielen Situationen nicht rational entscheiden, und in gewissem Grad blind für statistische Zusammenhänge sind, was, in einer immer komplexeren Welt, wie die Finanzkrise gezeigt hat, zu schwerwiegenden Verwerfungen führen kann.

Im Februar 2015 saßen wir zu zehnt im Fachschaftsraum der SoWis, nur mit der vagen Idee im Gepäck, statt bloßem Religionsbashing etwas Positives zu machen. Es war der erste Schritt auf einem coolen Weg immer weniger Freizeit zu haben, denn es stellte sich schnell heraus, dass es keine fertigen Lösungen gab, keine programmatischen Schriften die wir exegieren könnten. Die Giordano-Bruno-Stiftung versteht sich als Think Tank und mir gefällt besonders, dass wir eine Gruppierung ohne Dogma und mit einer Agenda sind, die wir ständig neu verhandeln können. Meine MitstreiterInnen richten sich nicht in Gewissheiten ein, sie ändern völlig uneitel ihre Meinung, wenn sie die Argumente der Gegenseite besser finden. Es macht ihnen sogar Spaß ihren Standpunkt in einer Diskussion zu anzuzweifeln.

Nicht jede Frage lässt sich mit den Mitteln des kritischen Rationalismus klären. „Ethik ist keine Wissenschaft“ sagte Karl Popper, wir könnten durch die wissenschaftliche Methode nicht ermitteln, welches Handeln geboten ist. Wir müssen es entscheiden, jedoch nicht jeder für sich, weil durch unser Handeln meist auch andere betroffen sind, sondern in einer fortlaufenden gesellschaftlichen Debatte. Wer sich nicht organisiert, läuft Gefahr, in dieser Debatte übergangen zu werden. Zudem sind ethische Auffassungen nicht unverrückbar, wir passen sie der vorherrschenden Moral in gewissen Grenzen an. In einer egoistischen Gesellschaft werden wir egoistischer handeln als in einer solidarischen. Es ist für viele Menschen durchaus attraktiv, Teil einer altruistischen Community zu sein, selbst wenn sie bis dato eher egoistisch eingestellt waren. Ethisches Verhalten ist ansteckend. Eine solche Community entsteht nur, wenn wir Farbe bekennen und uns mit unseren Wertvorstellungen zeigen.


Laura Wartschinski *1994
HU: Informatik M.Sc.

shbh gbs Mitglieder Laura WartschinskiAuch wenn mein Studium meist recht zeitaufwendig ist, ist das Engagement in der Hochschulgruppe für Säkularen Humanismus eine Sache, die sich absolut lohnt. Von der Gründung der SHBH im Februar 2015 an hat es mir sehr viel Spaß gemacht, dabei zu sein, und ich habe bisher nur ein einziges Treffen verpassen müssen. Für mich sind die Gründe, sich für Humanismus und Säkularität einzusetzen, klar.

Ich wuchs in einer leicht christlichen Umgebung auf, machte mir jedoch lange Zeit kaum Gedanken um Religion. Die einzigen Götter, die mein Interesse wecken konnten, stammten aus einem der zahlreichen Fantasy-Universen, in die ich damals eintauchte. Obwohl ich eigentlich nicht an „Gott“ glaubte, wurde ich konfirmiert, und wehrte mich auch nicht dagegen. Als mir jedoch mit etwa 15 Jahren auf einer Klassenfahrt nach England Dawkins‘ Gotteswahn in die Hände fiel, änderte sich meine Perspektive auf Religion schlagartig.
Während meine Mitschüler Wachsfiguren fotografierten, saß ich in einem Park und machte mir erstmal Gedanken darüber, welche Rolle der Glaube im menschlichen Denken und in der Gesellschaft spielt. Mir wurde klar, dass Irrationalität nicht nur ein Thema ist, über das ich vollkommen fruchtlose Streits mit meiner Religionslehrerin anfing, sondern ein Problem, dass die gesamte Menschheit betrifft. Menschen leiden, Menschen fügen anderen Menschen Leid zu, und Menschen treffen für Nichtgläubige wahnwitzige Entscheidungen aufgrund von Religion. Ich finde es unfassbar, dass gottesfürchtige Vorstellungen aus jahrhundertealten Überlieferungen auch heute noch in vielen Fällen unser Leben prägen und als Grundlage für Diskriminierung, Fehlentscheidungen und simple Borniertheit dienen.
Etwa zur gleichen Zeit verschlang ich auch das „Manifest des Evolutionären Humanismus“. Die Perspektive, die darin vermittelt wurde, lieferte einen wichtigen Baustein zu meinem Blick auf die Welt.

Ich kam also zu der Überzeugung, dass eine wissenschaftliche Herangehensweise an die Realität und eine auf den Menschen ausgerichtete, zeitgemäße, ‚gottlose‘ Ethik dringend notwendig sind, damit die Menschheit eine sinnvolle Zukunft haben kann. Und genau damit beschäftigen wir uns in der Hochschulgruppe für Säkularen Humanismus. Unsere Themen sind breit gestreut – von Erkenntnistheorie über Genetik bis hin zur Verfolgung säkularer Blogger in Bangladesch. Wir organisieren Vorträge, Podiumsdiskussionen, Meetups und andere Veranstaltungen, und man kann sich sehr gut einbringen, um etwas zu bewirken. Außerdem bietet die Hochschulgruppe ein tolles Umfeld, um interessante Menschen kennen zu lernen, Gedanken auszutauschen und neue Perspektiven zu gewinnen. Ich kann nur empfehlen, bei uns vorbei zu schauen.


Tobias Wolf *1994
HU: Statistik M.Sc.

shbh-gbs Tobias WolfIch komme aus einer nicht sonderlich religiösen Familie. Trotzdem wurde ich mit 12 Christ. Die großen philosophischen Fragen hatten mich schon immer fasziniert und auch wenn die Antworten der Religion nicht unbedingt befriedigend waren, so banden sie mich auf andere Weise: Angst und Allgültigkeit. Das Wort Gottes war absolut und dem Ketzer drohte schließlich das Höllenfeuer. – Wie konnte ich mir da auch nur die leisesten Zweifel (und die waren immer da) leisten?
Mein Weltbild schloss sich mehr und mehr und schottete sich gegen Kritik von außen ab. Zum Glück dauerte diese Phase von Zweifel, Angst und Schuld nicht länger als ein Jahr. Wer weiß, wo ich heute stehen würde, wenn ich nicht durch einen glücklichen Zufall auf das „Manifest des Evolutionären Humanismus“ gestoßen wäre?

Ich las das Buch und mit einem Mal sah ich das Konzept der Religion in all seiner Lächerlichkeit bloßgestellt. Es war, als hätte man mich aus der Matrix ausgeklinkt. Die Naivitäten und Widersprüche – sie sind alle klar erkennbar und trotzdem glauben Milliarden Menschen weltweit an jahrtausendealte Mythen und Geschichten, sie morden und bekriegen sich gar in ihrem Namen.

Echtes Wissen zu erlangen ist schwer. Die Welt ist widersprüchlich und kompliziert und die Wirklichkeit nicht unbedingt so, wie wir es uns wünschen würden. Einem festgefügten und absoluten Narrativ (am besten noch mit Happy End) zu glauben, ist da viel bequemer. Letztlich gilt dies nicht nur für Religionen, sondern auch für politische Ideologien. All diese geschlossenen Weltbilder helfen uns jedoch nicht weiter, wenn wir die großen Herausforderungen unserer Zeit meistern wollen.

Als Student der Sozialwissenschaften sind es genau diese Herausforderungen, die mich faszinieren: Wie kann Gesellschaft und Wirtschaft im 21. Jahrhundert sinnvoll organisiert werden? Wie kann man geschlossene Weltbilder bekämpfen? Was kann man tun, um die globale Armut zu beenden? Wie wird der technologische Fortschritt die Welt in den nächsten Jahrzehnten verändern? Antworten hierauf finden wir nur durch eine kritisch-rationale Analyse auf der Grundlage aller zur Verfügung stehenden Informationen; auf der Basis eines klaren ethischen Wertefundaments, was die Zusammenführung von Wissen verschiedenster Disziplinen (Politikwissenschaft, Soziologie, Philosophie, Statistik, Informatik, Mathematik, Psychologie, Biologie, etc.) notwendig macht.

Die Säkularen Humanisten versammeln eine wunderbare Vielzahl von klugen und offenen Köpfen der verschiedensten Fachbereiche, welche sich über die unterschiedlichsten Themen austauschen und den Berliner Diskurs durch Vorträge oder andere Aktionen beeinflussen. Ich freue mich, dabei zu sein.